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PHOTO RECYCLING PHOTO

Die Fotografie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

Kurator: Floris M. Neusüss | Bermuda-Dreieck für Fotografie

UNIVERSITÄT KASSEL | Menzelstr. 15 | 3500 Kassel | Juni 1982
TAGGED: BETEILIGTE KÜNSTLER UND FOTOGRAFEN + KATALOG + VORWORT

BETEILIGTE KÜNSTLER UND FOTOGRAFEN: Charly Banana + Herbert Bardenheuer + Didier Bay + Burkhard Bensmann + Johannes Brus + Chérif Defraoui + Silvie Defraoui + Urs Eberle + Hans Peter Feldmann + Gerhard Franz + Jochen Gerz + Robert Heinecken + Renate Heyne + Thomas Huther + Ralf Johannes + Thomas Kapielski + Allan Kaprow + Wink van Kempen + Dietmar Kirves + Richard Kriesche + Theo Lambertin + Rolf Langebartels + Rolf Lobeck + Gérald Minkoff + Wolfgang Müller + Floris M. Neusüss + Marcel Odenbach + Vito Orazem + Erwin Puls + Raffael Reinsberg + Helmut Schweizer + Dieter Schwerdtle + Friedrich Seidenstücker + Ingeborg Strobl.

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KATALOG: 180 Seiten, 154 s/w Abbildungen, Text, 23,8 x 16,5 cm

VORWORT VON HERBERT MOLDERINGS: DIESSEITS DER BILDER | Seitdem die industrielle Revolution es möglich gemacht hat, Sinneseindrücke festzuhalten und zu reproduzieren, ist das Leben durch eine zunehmende Atrophie der Erfahrung gekennzeichnet.
Von dem, was man die ursprüngliche, die 'organische' Erfahrung nennen könnte, gibt es kein Foto. Die Sinne sind ungeteilt. Sie ist das Hier und Jetzt der Welt, unwiederholbar wie der Zufall, wie die Umstände, die unsere innere Disposition und eine Blüte, ein Gesicht, eine Stadt, ein Ereignis zusammenbinden. Sehen ist in ihr nicht begrenzen, visieren, sondern Teil der Empfindung, dass etwas existiert (Wahrnehmung). Sie erschafft Bilder in dem Menschen, nicht außerhalb von ihm. Sie ist positiv, die überwundene Trennung, die einfache Bindung an das Unwiederbringliche, die Liebe zum Vergehen.
Erfahren nannte man früher jemanden, der viel gereist war und viel erlebt hatte. Im modernen Leben kommen die Gegenstände schneller zum Menschen als er zu ihnen. Sie bewegen sich in Form von Abbildern, sind indifferent gegen Zeit und Ort. Bilder betrachten Bilder, jeder betrachtet jeden. Wozu sind sie gut, die Bilder und Sätze? Welchen Sinn haben sie für unsere Existenz? Ihre Wirklichkeit ist Redundanz, die Fülle, die Leere ist, untrennbar, unaufhaltsam, ununterschiedene Bewegung. Ihre Funktion: die Menschen im selben Augenblick vergessen zu machen, was sie gerade gesehen haben. Bilder für einen Abend, sichere Verteidigungslinie des Status quo. Es ist die Domäne der Hilfen, der Versicherungsgesellschaften, der Führer: Ne vous aventurez pas! Der Mensch ist zum Zuschauer seiner eigenen Wehen geworden. Das was für den Notfall gedacht war, ist Normalfall geworden. Das Leben als Rezeption. Die Welt als Unbild.
Man könnte die Kunst dessen, was wir die Moderne nennen, als die Anstrengung verstehen, literarische und künstlerische Techniken zu erfinden, um die in den Apparaten erstarrte Erfahrung der Sinne wieder zu lösen und alle Reproduktionen vergessen zu machen. Zunge, Nase, Augen, Ohren und Hände frei zu machen, zu bewegen, geschmeidig zu halten für das Momentane, Vergängliche, die Pulsation des Lebens, gegen die Atrophie der Organe. Spätestens seit Mallarme gibt es Schriftsteller und Künstler, die ihre Aufgabe vor allem darin sehen, durch die Konstruktion der Stille, der Leere und der Abwesenheit inmitten der Trennwände der Spiegelungen einen Ausblick frei zu halten auf die im Schwinden begriffene 'organische' Erfahrung des Lebens. Die Kubisten waren vielleicht die ersten, die nach dem Auftauchen der technischen Reproduzierbarkeit nicht mehr Abbilder, sondern selbständige Bilder schufen: Konstrukte, die aus tastbaren Objekten, gegenständlichen Illusionen und autonomen malerischen Formen aufgebaut sind. Sie hatten die Tradition der vorfotografischen Kunst wiederentdeckt. Ihre Bilder sind nichts Spontanes. Sie sind zusammengesetzt, gestellt, konstruiert
In einem solchen Verfahren kann die Fotografie ein Hilfsmittel sein. Sie kann Dinge und Situationen festhalten, die in der Erfahrung nur aufblitzen, sich dem Zugriff entziehen, bevor sie emotional assimiliert oder die unter scheinbar unverständlichen oder unergründlichen Formen erdrückt sind. Das Konstruieren deckt Beziehungen zwischen Menschen, Wahrnehmungen und Ereignissen auf, die für das Auge und die Gewohnheit unzusammenhängend sind. Es liebt die Grenzüberschreitungen. Es kennt weder Schranken zwischen den einzelnen Bildarten Video, Fotografie und Gemälde, noch zwischen Bild und Schrift oder Sprache, noch zwischen Bild und Realraum und Aktion. Um welchen der beiden Ansätze es sich auch handelt, er realisiert sich heute in einem Kunstbetrieb, der selbst ein Generator der Redundanz geworden ist.
Wir erleben eine Riesenproduktion, vom Staat und vom großen Publikum unterstützt und ermuntert. Die Bilder in den Ausstellungen unterscheiden sich in ihrer Rezeptionsweise nicht von den Ausstellungen der Bilder in den Kiosken, an den Hauswänden und in den Fernsehgeräten im Wohnzimmer. Hier wie dort dieselbe Überschwemmung der Gefühls- und Gedankenwelt, dieselbe Verwässerung und Nivellierung, dieselbe Redundanz. Vielleicht wird die Explosion der Bilder, Verfahren und Theorien im Kunstbetrieb der letzten fünfzehn Jahre eine Implosion erzeugen. Ihr Zentrum könnte das Bestreben sein, diesseits der Wörter und Bilder etwas zu finden, das ihren Gebrauch rechtfertigt. Der Nachdruck würde weniger auf das Tröstliche der Kunst, als auf die Wirklichkeit, weniger auf die Projektion als auf deren Ursprung gelegt werden. Die Verflüssigung der Sinne und des Bewusstseins und der Bilder, in denen sie erstarrt sind, käme da nur als Impuls der Lust zur Veränderung der Existenzbedingungen vor. Nur in der Aktion kann vielleicht der indifferente Kreislauf der Bilder für einen Moment zum Einstehen gebracht werden. War die alte Avantgarde durch eine repressive Kunstpolitik einmal zu einem Dasein am Rande der Gesellschaft gezwungen, ist es jetzt vielleicht notwendig, sich freiwillig und absichtlich dorthin zu begeben. Die Bedrohung scheint heute weniger von außen (als Repression) denn von innen (als Korruption) zu kommen. Möglicherweise ist der Avantgardist von heute der Künstler, der versucht, dort mit Bildern zu arbeiten, wo deren Einsatz von seinem Einsatz nicht getrennt ist, in einem begrenzten, beeinflussbaren Abschnitt unmittelbarer Erfahrungen und Aktionen.
Copyright 1982, Bermuda-Forum und bei den Autoren, Kassel 1982

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