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HÖREN, WAS NICHT ZU SEHEN IST

Kopfhörer statt Bilder:
Die Kunsthalle am Schlossplatz
bietet einen akustischen Überblick über Berlins Künstlerszene

Rezension von Ingeborg Ruthe | in: Berliner Zeitung, 05.12.2009

Temporäre Kunsthalle Berlin, InnenansichtBERLIN - Es hämmert. Zu jedem Schlag auf einen Nagel in einem unsichtbaren Brett ruft eine Männerstimme: „Die Temporäre Kunsthalle soll das Schaufenster der Berliner Kunstszene sein!“ Dann geht das Hämmern weiter, laut und dreist. Die Stimme und die Schläge suggerieren einem freilich, dass da jemand ein Schaufenster zunagelt, statt die Auslagen zu bewundern. Der da nagelt und ruft, muss ein ironisches Naturell besitzen – eine Art Dadaist. Und die Betreiber der privaten Kunsthalle, die bis zum Schloss-Wiederaufbau als kunstförderndes Interim dienen soll, müssen Spaß verstehen.

Abzustellen sind Geräusch und Stimme erst mit Knopfdruck. Stille. Das war Platz Nr. 257 einer Audiotour, die als höchst ungewöhnliche Aktion in der Temporären Kunsthalle am Schlossplatz von der hiesigen Künstlerszene erzählt. Der Nutzer eines solchen Gerätes, wie man es aus jedem größeren Museum kennt, hat die Wahl unter 599 Nummern. Drückt er die Nummer drei, darf er der getragenen Stimme eines Malers lauschen, der detailliert und geschichtenreich ein Gemälde mit dem Titel „Der Hirte“ beschreibt. Es sei, sagt er, drei Mal fünf Meter groß und es zeige einen Doppelkopf, auch Januskopf genannt, und dieser trage die Gesichter von Platon und Hegel. In der Bildbeschreibung tauchen später auch Nietzsche und der Heilige Geist, und Hegel dann auch noch mal als Weltgeist zu Pferde auf. Schließlich endet das Ganze in einer Kreuzigungsszene. Die Beschreibung ist höchst amüsant.

Drückt man die Nummer 455, vernimmt das Ohr deutlich den intensiven Dialog eines Steinbildhauers mit einer werdenden Skulptur: Der Meißel dringt in einen Marmorblock, der Bildhauer tut entschiedene Schläge; er arbeitet sich von außen nach innen und in den Stein hinein, wie schon Michelangelo es tat.

Bildende Kunst lebt, wie der Name schon sagt, vom Bildhaften. Möchte man jedenfalls meinen. Und sie lebt üblicherweise vom Ausgestellt-Werden. Vom Zeigen an Wänden, in Vitrinen, auf Sockeln oder Videoleinwänden also. Was aber, wenn das Zeigen durch Hören geschieht, wenn nichts zu sehen ist, man aber über Stimmen, Klänge und Geräusche zu einer bildhaften Vorstellung angeregt, geführt, ja, verführt wird? Dann handelt es sich wohl um Konzeptkunst. Sie hat den Ruf, anstrengend, trocken, unsinnlich zu sein.
Karin Sander, Künstlerin in Berlin, beweist das Gegenteil: Ihre Aktion „Zeigen“ füllt seit heute die leere weiße Kunsthalle am Schlossplatz. Es ist ein Kunstprogramm, das bei Knopfdruck ein Kaleidoskop an Bildern, Gedanken und Emotionen auszulösen vermag. Wer will, kann das viele Stunden lang tun. Die Hör-Führung durch die Kunstlandschaft Berlins, durch Ateliers und diverse Ausstellungen reicht für 18 Stunden; Kunstmasochisten dürften Erfüllung finden, geringer dosiert, ist die Führung ein originelles Erlebnis.

Vor einigen Jahren zeigte die aus Nordrhein-Westfalen stammende, an der Kunsthochschule Weißensee lehrende Sander, Jahrgang 1957, ein Porträt-Tableau von Frauen – alles Namensvetterinnen, gleichaltrige, jüngere, ältere, dunkelhaarige, rothaarige, grauhaarige und blonde, wie sie selbst. Nun geht Sanders Idee völlig weg von ihrer eigenen Person, hin zu vielen berühmten und weniger bekannten Kollegen in der Stadt. Es gibt kein einziges Kunstwerk zu sehen. In Augenhöhe befinden sich lediglich auf die Wand geschriebene Namen der beteiligten Berliner Künstler und Zahlen von 1 bis 599. Der Besucher bekommt am Counter Kopfhörer und ein simpel zu bedienendes Audio-Gerät – 80 Stück hat die Kunsthalle von einem Elektronik-Anbieter geliehen. Man wählt einfach nur die Nummer – und schon führen einen Stimme oder Werkzeug des jeweiligen Künstlers ein in sein Werk. Das kann eine sachliche oder poetische Beschreibung sein, das sind Geräusche aus dem Atelier oder vom Aufbau einer Installation oder Musikstücke – oder von jedem etwas.

Es heißt, in Berlin gebe es mittlerweile mindestens 15 000 bildende Künstler aus aller Welt, genau weiß es keiner. Den Betreibern der Kunsthalle wurde in der Vergangenheit vorgeworfen, diese überbordende Menge des Kunstschaffens in der Stadt viel zu wenig zu spiegeln. Karin Sander wagt den Mammutakt, sucht der schieren Masse allerdings mit den strengen Mitteln des Minimalismus Herrin zu werden. Sie kennt nun mindestens 599 Künstler von hier. Und die alle konnte sie tatsächlich für dieses – unsere Wahrnehmungsebene verändernde und unsere Fantasie herausfordernde – Projekt gewinnen.

Gedankenversunken gehen die Besucher nun mit ihren Kopfhörern durch die leere Halle. Der Anblick an sich ist schon ein Gesamtkunstwerk. Und dann erst noch die in Gang gesetzte Fantasie!

„Zeigen“, Temporäre Kunsthalle: Schlossplatz, bis 10. Januar, täglich 11–18, Do bis 21 Uhr, Eintritt frei.

® http://kirves.no-art.info/de/!ausstellungen/2009_zeigen-presse.html