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FÜNFUNDDREISSIG RÄTSEL

EP Galerie Jürgen Schweinebraden
Berlin (Ost) 1977
Edition HUNDERTMARK
Berlin (West) 1977 | 52. Karton
35 Rätsel, Cover-Ost 35 Rätsel, Cover-West
brauner Schuber | signiert und datiert | 160 Exemplare grauer Karton | signiert und datiert | 40 Exemplare
41 Blätter | 21 x 18 cm | S/W-Offset-Druck auf Karton | 200 Exemplare
Printed in German Democratic Republic | Redaktion: Jürgen Strandt
Lizenz: 94 Bf 702-77 008
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35 Rätsel, Postkarte

INHALT: Rätsel vom Raum, von den Verhältnissen, von der Entscheidung, von der Identität, von der Geewalt, von der Verständigung, von der Zusammenarbeit, von der Beschränkung, von den Strategien, vom Gleichgewicht, von der Gegenwart, von der Verantwortung, vom Eigenem, von der Entwicklung, von der Potenz, vom Gewinn, von der Veränderung, von den Verbindungen, von den Wünschen, von den Beweisen, vom Verhalten, von der Kunst, von der Begrüßung, von den Möglichkeiten, von den Krisen, von der Bilanz, von der Arbeit, von der Unentschlossenheit, von den Gefühlen, vom Schatten, vom Alibi, vom Los, von der Zukunft, von den Redewendungen, von der Einsamkeit. zur Ansicht

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103 x 147 mm

VORWORT DES HERAUSGEBERS: Im Jahr 1976 entstanden zwei Mappen, die Künstler aus der DDR und der BRD zusammenführten. Sie entstanden aus einer gewissen Neugier, die Arbeit des anderen kennenzulernen, zu vergleichen und sich ein Urteil zu bilden.
Einer dieser Künstler war Dietmar Kirves: 1941 in Fürstenwalde/Spree geboren, Studium an der Akademie in Kassel. Danach verlegerische Tätigkeit in Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlern (Beuys, Gerz, Herzfeld, Le Gac u. a.) und Tätigkeit als Maurer, Taxifahrer, Montagearbeiter am Fließband, bei der Straßenreinigung u. a.
Sein Beitrag fiel aus dem Rahmen meiner Erwartung. Vereinigte er doch Fotografie und Text in einer Weise, die eine intensive Auseinandersetzung mit der umgebenden Welt zum Ausdruck bringt und ihn veranlaßte - ich möchte sagen - ein Stenogramm von Erfahrungen zu verfassen. Kein Stenogramm jedoch, das den Autor als Erlebenden, dem dies oder jenes widerfährt, zum Mittelpunkt macht, sondern den Betrachter und Leser dazu verleitet, sich an Ähnliches zu erinnern. Doch Erinnerung wäre zuwenig - ja, wäre falsch: hier wird der Rezipient gezwungen, Eigenes mit einzubringen: eine Antwort auf Fragen zu finden, die er sich eigentlich schon längst hätte stellen müssen. Fragen nach meiner Meinung, die typisch sind für eine Gesellschaftsordnung, die - indem sie scheinbar alles ermöglicht - Wesentliches verhindert.
Wie aber kommt man zu solchen Fragen? Die Antwort findet man u.a., wenn man die Fotos betrachtet: die Kamera hält AUGENBLICKE fest, die erst in der nach- und mitdenkenden Betrachtung zu einem Ereignis werden, das im Augenblick des tatsächlichen Geschehens Zufaltscharakter zu besitzen scheint. Doch so den Begriff ZUFALL verwendet, ist Reaktion, nicht Evolution im Spiel: indem nämlich Ereignisse, die Aussagen über eine Gesellschaft liefern - sich als typisch für sie erweisen - als zufällig, so also als eigentlich nicht existent, abgetan werden. Darin liegt Methode!
Mir scheint das Progressive der Arbeit von Dietmar Kirves u. a. darin zu liegen, diese Methode aufzudecken. Darum zur Fotografie - die hier abgebildeten ausgewählt aus einer der Untersuchung von Raum-Zeit-Bewegungsproblemen dienenden Vielfalt von Fotografien - der Text! Darum auch die Form des Rätsels, das nichts von einem Kryptogramm an sich hat. Denn hier ist nichts von geheimer Nebendeutung! Im Gegenteil, hier wird offenbar gemacht, was mancher lieber vernebelt sehen möchte.
Aber um das zu erkennen, genügt nicht allein das Betrachten der Fotos und das Lesen der Texte. Als ERNENNUNGSHILFE gebraucht Kirves einen didaktischen Trick, durch den er versucht, den Rezipienten zu zwingen, Nach- und Mitzudenken - eine Sache, die zwar oft - aber seien wir doch ehrlich, nicht immer zur rechten Zeit, nicht immer am rechten Ort getan wird.
Hat nicht auch Brecht in den KALENDERGESCHICHTEN die Methode des aphoristisch-dialektisch zugespitzten Dialogs bereits so verwendet, um den Leser zum Mitdenken, zum Erkennen und zur Erklärung des eigenen Standpunktes zu bewegen?
Die Klarheit über den eigenen Standpunkt bestimmt das Verhältnis der anderen zu uns, aber konkretisiert auch unser Verhältnis zu den anderen.
Und darin scheint mir das Grundanliegen dieser 35 Rätsel zu liegen: beizutragen, zu dieser Klarheit zu kommen und sich ständig dessen bewußt zu sein, daß dem eine Dynamik zugrunde liegt, die nur durch ungebrochene Auseinandersetzung mit sich und seiner Umwelt erfolgreich sein kann.
Hier schließt sich m. E. bei Kirves ein interessanter Kreis: der Weg vom abstrakten Begriff (Raum-Zeit-Bewegungsproblem) zum konkreten Ereignis: das Individuum und sein Verhältnis zur Gesellschaft. Somit aber auch das Problem der Selbstfindung und Selbstbestimmung des Individuums in der Gesellschaft.
Diese Tatsache war für mich das eigentlich faszinierende von Kirves' Beitrag zur eingangs erwähnten Mappe. Da aber jeder Mappe nur ein Rätsel beigegeben war, schien mir die "Gefahr" zu bestehen, durch das Einzelne das Ganze aus dem Blick zu verlieren - was nicht ausschließt, das jedes Rätsel auch für sich bestehen kann.
Mit der Zusammenfassung der 35 RÄTSEL und ihrer Herausgabe als Kassette*) verbindet sich die Absicht, dieser Arbeit von Dietmar Kirves einen größeren Wirkungsraum zu geben, als es mit der o. a. Mappe möglich war. Möge diese Absicht zutreffend sein.

* Für die Kassette wurde von Dietmar Kirves für die einzelnen Blätter ein im Gegensatz zu dem der Mappe beigelegten Orginal ein neues Format und Layout gewählt.

Berlin, Dezember 1977 | Jürgen Schweinebraden

©  http://kirves.no-art.info/de/!publikationen/1977_raetsel.html