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WIE ES WEITERGING

920130. KAPITEL: Carl Mai verflucht die barbarischen Bahnen
der teutschen Geschichte und lässt es sich nicht nehmen,
die Erinnerung mit Storch-Volker und Steuer-Harry anzusehen.

Publiziert in: Sklaven, Sprachrohr der Loe Bsaffot, no. 4, Basis Druck, Berlin 1994

Mir war eigentlich ob der Historie in der Geschichte schon immer unwohl gewesen. Hatte sich da doch in der Vergangenheit eine Barbarei vollzogen, die ich nicht erleiden wollte. Um die Macht übereinander zu erlangen, erschlugen die Menschen sich zuvor mit Steinen, Knochen und Keulen, sodann mit Pfeil und Bogen, mit Schwertern und auch Dolchen. Darauf taten sie es mit dem Schießpulver und legten nur noch den Finger an den Abzugshahn. Überdies kamen sie auf das Gas und drehten nur noch den Hahn auf, um die anderen schneller vernichten zu können. Heutzutage gibt es sogar Bomben, mit dem man einen ganzen Haufen Menschen in Staub auflösen kann und alle Häuser und Eisenbahnen bleiben stehen.

Da ich nun in solcher Weise ein Wesen war, das nicht entscheiden durfte, wo es gezeugt wird — meine Eltern taten es im Abendland, um mich zu kriegen — wiegte ich mich in dem Glauben, dass die Historie mich einen Scheißdreck anginge, wo ich auf die Welt geworfen worden bin. Sollte ich da nun Jehova, Allah oder Buddha anflehen, um die Läuse von mir nehmen zu lassen? Welchem Gott sollte ich denn dienen, wenn ich mich nicht für einen solchen halten dürfte?

Da griffen mich die Erdenmächte an, um mich zu einer Entscheidung zu verführen, als da waren der Nikotinismus, der Coffeinismus, der Alkoholismus, der Kannibalismus, der Sexualismus, der Humanismus, der Smogismus und all die anderen Ismen.

Jedoch widerstand ich diesen, weil sie mir nur die Übelkeit im Leibe besorgten. Hätten mich auch hundert Pferde zu ihnen ziehen wollen, ich hätte mit aller Macht die Leine zu ihnen zerschnitten, damit sie mich nicht verführen könnten.

Jedoch mit zunehmenden Alter verflachten meine Sinne dermaßen, dass die Historie in der Erdenmacht begann, mit meinem Kopf zu charmieren. Hatte ich doch gerade die Leinen der Süchte durchschnitten, um nicht in deren Fänge zu geraten. Nichtsdestotrotz wollte mir die Vernunft sodann die Zügel anlegen, um mir die Geschichte zu erklären, wie sie dahergekommen sei. Und das nahm dann plötzlich seinen merkwürdigen Lauf.

So ich nun in Berlin lebete, war ich darauf angewiesen, mir meine Fressalien bei den Händlern zu besorgen. Hatte ich doch keinen Platz für die Erwirtschaftung derselben auf meinen Quadratmetern. Deshalb musste ich mir immer die Zeitung zur Hand nehmen, um zu erfahren, wo man mir das angenehmste zum Fressen geben könnte für mein fortwährendes Leben um der Kacke willen, die ich für die Kanalisation ausdrücken sollte. Denn so lehrten es mich die Lehrer, nur wenn ich kackte oder pisste, hätte ich das Leben in mir.

Derob fand ich nun beim Durchblättern der Berliner Zeitung auf ’ner halben Seite der «Hauptstadt-Rundschau» einen schwarzgrauen großen Haufen an Schweinegulasch rotumrandet abgebildet zum Sonderpreis von Siebenmarkundneunundneunzig das Kilo. DAS Angebot beim Kaiser Supermarkt.

Dieweil ich mir von der Zeitung nicht nur die Zügel zum Essen anlegen lassen wollte, las ich mir noch den Rest der Seite durch, weil ich immer das Ganze erfahren wollte. Schrieben doch die Zeitungsfritzen ihre Artikel, um die bezahlte Reklame zur Wirkung kommen zu lassen. Der Text war immer die Schleichwerbung für die richtige Platzierung der bezahlten Anzeige.

Doch, oh Schreck und Gar-Aus! Was stand da auf der großen Zeitungsseite mit der frischen Schweinegulasch-Reklame? Ich traute meinen Augen nicht. Hatte ich meine Augäpfel vielleicht in die verkehrte Richtung gelenkt? Ich las da nun die gedruckten Sentenzen, die die restliche halbe Seite füllten:

Nach 50 Jahren: Erste Gedenkstätte des Holocaust im Land der einstigen Täter. — Ein Lehrhaus der Demokratie in der Villa des Schreckens. — Am Sonntag wird die Gedenkstätte «Haus der Wannsee-Konferenz» eröffnet. — Eine prächtige Villa inmitten eines parkähnlichen Wassergrundstückes. — Träger ist der Verein «Erinnern für die Zukunft». — Wende den Blick zu den Leichenhügeln. — Neues Buch über Massenvernichtungen. — Weg in den Tod. — Erinnerung an den 30. Januar 1933....

Was hatte der Gulasch mit der Judenvernichtung zu tun? War die Meinung schon wieder so weit vorangeschritten, um bestimmte Menschengruppen klein zu hacken?

Da ich es mir nun nicht aus dem Zusammenhang reißen lassen wollte, wie es sonst die Gläubigen mit ihren Bibel- oder Koransprüchen taten, beschloss ich, mir die Villa der Vernichtung am Wannsee anzusehen. Hatten doch augenscheinlich hier die Zusammenhänge am Berliner Orte die Geschichte noch gut überstanden. War mir doch gerade erst der Letzte Kaiser als Pappfigur bei einer Ausstellung im Zeughaus Unter den Linden begegnet.

Um den Weg dorthin nicht alleine machen zu müssen, fürchtete ich mich doch insgeheim vor dem zu erwartenden Grauen, bat ich meinen Freund Storch-Vogel um Begleitung. Sein Vertrauter Steuer-Harry, dem sie in der letzten Nacht die Reifen an seinem Auto in Kreuzberg durchstochen hatten, chauffierete uns mit neuen Rädern an den Wahnsee. So rollten wir gemächlich mit dezentem Rolling Stones-Sound auf den Hauptschlagadern Berlins im allgemeinen Verkehr dahin Richtung West-Süd-West zu den Villen am Wannsee, wo die Besitztümer der Wohlhabenden sich aneinander reihten in parkähnlichen Abständen.

Die großen Straßen in Berlin hatten zumeist die Eigenschaft, immer geradeaus zu gehen, wenn's zu wichtigen Punkten ging. Da waren die Fürsten, Könige und Kaiser vom Adel uns wohlgesonnen in ihrer Planung gewesen, damit wir auch nichts verfehlten von ihren direkten Zielen. Los gings. Kottbusser Damm. Hermannplatz. Hasenheide. Gneisenaustrasse und Potsdamer Strasse. Haupt- und Rheinstraße. Schlossstraße. Der Bierpinsel. Die Steglitzer Kreiselkorruption. Unter den Eichen. Potsdamer Chaussee. Am Wannsee die Königstrasse. Die ersten verunfallten, grässlich zerquetschten Trabbis als Ruinen am Straßenrand. Waren doch gerade beim Arbeiter- und Bauernstaat die Mauern gefallen, wo der Staatsvorsitzende Erich seinen Untertanen nur kleine Trabbi-Autos zum rumdüsen erlaubte.

Also die Königstraße und gleich die erste rechts rein. Dieses Sträßchen, genannt «Am Großen Wannsee», führte uns direkt zur Villa des Schreckens, dem Lehrhaus der Demokratie.

Die Parkplatzsuche bereitete hier keine Probleme, weil die Villengrundstücke hier so groß waren. Da fuhr zum Glück nur jede Villa ein Auto und bunkerte das noch im Villenkeller, damit draußen des Nachts kein Kratzer an das teure lackierte Blech rankam. Dafür konnte man hier nicht am Ufer lang laufen, da die Millionäre hier auf eigenem Grundstück ihre Yachten direkt in den Wannsee schoben. «Wozu braucht die Welt die Menschen?» flog es mir da zum wievielten Male durch den Kopf.

Indessen wir nun das Auto an der Bordsteinkante verließen, steuerten wir zu Fuß die angegebene Adresse an, Villa des Schreckens, Hausnummer 58. Jedoch standen wir alsdann vor einem mächtig großen, verschlossenen Metallgitterstabtor, durch dessen dicke Stäbe wir eine Villa erblicken konnten, deren Begehren unser war, sofern sie es sein sollte.

In einem Mauerpfeiler, der die Eisengitter zusammenhielt, befand sich eine Türsprechanlage mit ’nem Klingelknopf. Diesen betätigten wir und sprachen nach einem Piepton: «Wir wollen uns die Villa des Grauens ansehen. Sind wir hier richtig?» Da ging das Eisengitter plötzlich von selber auf und wir erhielten den ersten Einlass.
Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Winterkahle Bäume im Park reckten ihre Äste in den kalten grauen Himmel, falls es den noch geben sollte. Und gleich am Toreingang rechts hing das erste Fernsehüberwachungsauge versteckt und angepasst. Nicht so'n klobiges graues Ding wie im Arbeiter- und Bauernstaat an den öffentlichen Gebäuden. Die hatten hier aber mächtig Angst in ihrer Schreckensvilla. Hatte da Edgar Wallace seine Finger im Spiel? Wie viel Überwachungskameras hingen noch verdeckt in den Ästen rum? Wo waren die Mikrofone eingebaut? Wer saß an den Monitoren und speicherte die Bilder ab? Um ihnen die größtmögliche Erkennungschance zu geben, gingen wir die wohl sechzig Schritte vom Tor bis zur Holocaustvilla unverzagt und gemächlich nebeneinander her und boten ihnen mit aufrechtem Gesicht den Vergleich mit den Fahndungsfotos an. Dazu krächzten nur einige winterharte Krähen in den groben Ästen ihren Sound in die versteckten Mikrofone, wozu der Sand unter unseren Schuhen knirschte.

Die eigentliche Wahnsee-Villa-Eingangstür war nun wiederum verschlossen. Da half kein Rütteln und kein Klopfen. So man uns nun wohl auf dem kurzen Fußweg durch den Park soweit abgeleuchtet hatte, standen doch dazu bestimmt zwei Minuten zur Verfügung, brauchten wir beim Klingeln keine erneute Begründung für unser Begehren abgeben. Nach Ertönen eines Summtones im Türschloss ließ sich durch leichten Druck das schwere Portal öffnen.

Sodann standen wir in einem hellen, sauberen, weißen Eingangsraum, der einer kleinen Rotunde glich. Das Licht fiel uns hier von oben herein, einer natürlichen Erleuchtung gleich. Eine dem runden Wandraum angepasste Marmortreppe führte rechterhand zum Obergeschoss zu den Schlafgemächern, Bädern und Chambre Separees, die jetzt zu Ausstellungsräumen umfunktioniert worden waren. Auf den Stufen saßen geschockte junge Schülerinnen, die von dem Grauen die Schnauze voll hatten und nur noch auf Ihre Lehrerperson warteten, die anscheinend von dem Grauen begeistert nicht mehr aus dem Ausstellungsekel herauskam, um ihnen den Ausweg ins draußige Wintergrau zu erlauben, damit sie hier endlich fortkämen.

Von ihren großen Augen las ich ihre verzweifelten Fragen ab: Wo ist das Schöne, das himmlisch Hinreißende? — Wo ist das idealistisch Malerische, das makellos Märchenhafte? — Wo ist der angenehme Gewinn? — Wo das wunderschöne Gefühl?

Eine ältere Frau sprach uns nun in der Rotunde recht freundlich an, dass wir hier einen Rundgang machen könnten, der rechts beginne, und dass uns auch eine Führerin zur Verfügung stehen würde, wenn wir Fragen hätten. Der Führer. Der Verführer und die Führerin. Welch seltsame Bezeichnungen für die abscheulichen Erklärungen. Nach der Geschichte des Hauses befragt, antwortete sie, dass diese im letzten Raum rechts an der rechten Wand hängen würde. Dies interessierte uns natürlich zuvörderst, weil wir wissen wollten, warum die braunen Vollstrecker ihres Chefs aus Braunau diesen schönen Ort am See für ihre tödlichen Planspiele benutzt hatten.

Also machten wir uns rechtsherum auf den Weg zum rechten Rundgang, wie es uns empfohlen wurde. Alle Wände, Fenster und Aussichten waren zugehängt mit länglichen Milchglasscheiben, auf denen große grässliche Fotos nebst Texten ohne Quellenangabe montiert waren. Von jeder Scheibe blickten uns Abbildungen verzweifelter und gefolterter Menschen im schwärzesten Weiß an. Konzentrationslager, Gaskammern, und Leichenberge. Brennende Häuser, Erschossene und an Galgen Hängende mit dicken Stricken an den Hälsen. Schreibtischtäter, Aufseher, Vollstrecker und Geheimbefehle mit Sieg Heil und Heil Hitler als letztem Gruß. Und Bulldozer, die Leichen in Bergen zusammenschoben. Der Schauder lief uns den Rücken hinunter. Das Grauen brüllte uns an. «Wozu braucht die Welt den Menschen?» fiel es mir wiederum ein.

Die großen Glasscheiben des Ekels hingen an dünnen langen Stahlseilen von der Decke herab, so dass sie beim geringsten Luftzug zu schwingen begannen. Befand ich mich nun vor so einer entsetzlichen Scheibe, so wusste ich keine Orientierung, auch wenn ich still stand. Das abgebildete Gruseln bewegte zusätzlich mit der schwingenden Scheibe meine Sinne dermaßen im doppelten Maße, dass ich kaum die Buchstaben zu lesen vermochte, auch wenn ich meine Augen verdrehte. Ich kam ins Schwanken. Mir wurde schwindelig.
Es war ein einziges Kabinett der Abscheulichkeiten, des Terrors und der Verzweiflung. Hatte uns nicht schon der olle Dante in seiner Göttlichen Komödie das Inferno ausgemalt? Immer diese grauenhaften Wiederholungen. Der Homo sapiens wird nie vernünftig.

Die merkwürdigen Ausstellungsfritzen zeigten uns hier das Widerlichste und spalteten es noch bürokratisch in Abteilungen auf. So war jeder der schönen hohen Villenräume mit einem Titel versehen:

Diktatur in Deutschland. — Vorkriegszeit. — Krieg in Polen. — Die Ghettos.
Massenerschießungen. — Die Wannsee-Konferenz. — Deportationen. — Saal der Länder.
Transitlager. — Todeslager. — Auschwitz. — Leben im KZ. — Der Ghetto-Aufstand.
Das Ende. — Die Befreiung.

Der Holocaust in Hologrammbildern. Gespeist von den Gehirnströmen, die durch die Verbrennung der eingenommenen Naturalien im menschlichen Körper entstehen. So holt sich ein jeder seinen Strom für die Hologrammbilder entweder vom eigenen Acker oder ausm Supermarkt. Da musst Du eben Deine Augen verdrehen und eine solche Seite finden, die Dir die angenehmen Hologramme erzeugt über Deine Augen im Gehirn. Nur bist Du nicht immer Herr über Deine Augen, denn zwischendurch wenden sie sich unverhofft dorthin, wo Du mit ihnen gar nicht hinblicken wolltest. Da kriegst Du dann noch einen Stromschlag in Deinem Grützkasten.

Bei diesen Gedanken wurde es mir schwach um mein Herz. Erkannte ich doch da, dass ich meiner Sinne immer noch nicht Herr war, weil sie in dieser grauenhaften Bestürzung in meinen Extremitäten unkontrolliert hin- und herschwankten.

Eine Menge Leute befanden sich hier nun Betrachtenderweise in den verschiedenen Räumen. Sie starrten auf die Scherben des Grauens mit Unverständnis in den Gesichtern. Es herrschte eine große Betroffenheit merkwürdigerweise unter ihnen, obwohl doch alles schon oftmals in den Büchern veröffentlicht worden war. Kein Wunder, brauchte man doch fünfzig Jahre, um diese Gedenkstätte wieder zu beleben. Mir taten nur die hier pädagogisch durchgeschleusten jugendlichen Schulkinder leid, die von dem Grauen nichts mehr wissen wollten. Da gingen ihnen noch die Schreckensbilder in die Träume ein, wo sie doch an eine bessere Zukunft denken sollten.

Ehe wir nun diesen grässlichen Ort verließen, sahen wir uns noch im letzten Raum die Geschichte des Hauses an, warum gerade hier es die Wahnsee-Täter beschlossen, die sogenannte Endlösung der Judenfrage zu vereinbaren. Dort gingen uns allerdings wieder die Augen über, weil hier alles zutage trat, was sich vorher in der Entwicklung schon angebahnt hatte. Da hingen keine schwingenden Milchglasscheiben mehr von der Wand herab. Hier war die Vorgeschichte in Rahmen an die Wand geschraubt und offenbarte die merkwürdigsten Verhältnisse.

Wie immer in Industriezeitaltern waren es die Fabrikanten gewesen, die sich die größten Villen bauen ließen. Floß doch der Gewinn für solche Taten in ihre eigenen Taschen. Während der letzte Kaiser die kleinen Leute noch bunt ausstaffiert in den Ersten Weltkrieg schickte und sie für Volk und Vaterland euphorisierte — Weihnachten seid ihr wieder zu Hause —, hatte sich hier an diesem schönen Orte ein gewisser Fabrikant Ernst Marlier in den ersten beiden Kriegsjahren eine Villa zur eigenen Ergötzung bauen lassen. Wahrscheinlich wuchs ihm aber sein Palais in den Schwierigkeiten der Kriegsfolgen über den Kopf, denn er verkaufte es 1921 an einen gewissen Friedrich Minoux, einen Generaldirektor vom Stinnes-Konzern. Dieser quartierte sich hier nun recht lustig ein, hatte er doch am Krieg recht kräftig mitverdient, ohne im Schützengraben liegen zu müssen. Auf einem Foto lachte er mit Frau und Freund bei gekühltem Champus dem Fotografen in die Kamera. Dazu wurde dem Betrachter, als solche konnten wir uns bezeichnen, die Erklärung abgegeben, dass jener Minoux nach seiner Tätigkeit beim Stinnes-Konzern in Berlin eine Kohlenhandlung aufmachte und an Geschäften mit der GASAG verdiente, die es heute noch unter gleichem Namen als Berliner Gaswerke Aktiengesellschaft mit staatlicher Hauptbeteiligung gab. Diese GASAG beschiss er bis Ende der dreißiger Jahre um 12 Millionen Goldmark und lebte dort in Saus und Braus bis ihm die Nazis das Villending deswegen abnahmen.

Welch entsetzliche Verkettungen: Der eine betrog die Gashersteller und die folgenden ermordeten die Menschen mit Gas. Zyklon-B war ihre Devise. So kamen denn die braunen Oberen dahin, in der Villa des Gasbetrügers die endgültige Vergasung der Juden zu beschließen mit einem herrlichen Ausblick auf den Wahnsee. Weil nun alles «Streng geheim» bleiben sollte, machten sie die Villa des Schreckens zum Gästehaus für auswärtige Polizei- und SS-Offiziere im Namen einer merkwürdigen Nordhav-Stiftung.

So war die GASAG schon früh auf den Betrug reingefallen und hatte sich jahrelang bescheißen lassen, bis die Nazis es erkannten und in ihrem Sinne weiterführten. In der Hoffnung, dass die Ausstellungsmacher hier der GASAG kein Ding andrehen wollten, ließ sie sich doch nur übers Ohr hauen, konnten wir uns an dieser Stelle nicht des abscheulichen Gasgeruchs erwehren, der hier umherspukte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg — wer hat eigentlich angefangen, die Kriege zu nummerieren? — machten es sich hier die Militärs der verschiedenen Seiten gemütlich, bis dann in der Villa für einige Jahre ne Heimvolkshochschule im Namen von August Bebel ihren Betrieb aufzog. Sodann erkannten die Entscheidungsträger, dass dies der rechte Ort sei für ein Schullandheim in der eingekreisten Frontstadt Berlin. Solches wurde glücklicherweise in die Tat umgesetzt und über 36 Jahre lang — also genauso lange wie der olle Marlier, der Gasbetrüger, die Nazis, das Militär und die Heimvolks-Hochschule zusammen hierinnen walteten und schalteten —, also genauso lange erfrischten sich hernach allhier am Wannseestrand Neuköllner Arbeiterkinder. Und wie die Kids sich glücklich vom Hinterhofstadtmief erholten, bezeugte ein schönes Foto an der Wand. Vor einer dicht mit Efeu berankten Villenfassade frohlockten die Schüler in einer großen Gruppenaufnahme auf der wannseeseitigen Terrasse bis ins Jahr 1988 hinein.

Für drei Jahre schweigt nun die Chronik des Hauses, denn solches musste einigen nicht gefallen haben. Erzeugte doch die ausgelassene Lustigkeit der Kinder immerhin einen gewissen Geräuschpegel. Den Deutschen war es nämlich schon des längeren in den Kopf gestiegen, dass Ruhe die erste Bürgerpflicht sei, ganz egal, was in der Ruhe verbrochen würde. So hatten sich wohl einige Hausbesitzer beschwert, die hier ihre Villen noch aus der Nazizeit herübergerettet hatten, um in Ruhe ihre Adolph-Renten zu genießen. Vielleicht war deshalb diese Einrichtung als Schullandheim geschlossen worden. Wer wusste es? Manchmal kann auch manch alte Oma manch vieles bewirken mit ihrer Lärmanzeige, obwohl sie auch mal ein Kind gewesen war.

Und nun, nach 50 Jahren, wurde hier die Geschichte wieder auf den Punkt gebracht:

Der historische Ort. In diesem Haus verhandelten am 20. Jan. 1942 unter dem Vorsitz des SS-Obergruppenführers und Chefs des Reichssicherheitshauptamtes Heydrich vierzehn Spitzenbeamte von Ministerialbürokratie und SS über die organisatorische Durchführung der Entscheidung, die Juden Europas in den Osten zu deportieren und zu ermorden. Nach diesem Ort ward die Besprechung mit «Wannsee-Konferenz» bezeichnet. Das dazu von Adolf Eichmann angefertigte Protokoll über die Konferenz fand man erst 1947 in den Akten des Auswärtigen Amtes wieder.

Zum 50sten Jahrestag hatte man das Haus zur Gedenkstätte dieser grässlichen Konferenz der grausamsten Gräueltaten wieder hergerichtet. Man versprach sich wohl so damit nurmehr eine scheinbare Ruhe nach außen hin für die Villenbesitzer hier. Wer wollte auch schon hier Krach schlagen ob solcher Widerwärtigkeiten? Außerdem lag es den Initiatoren wohl hier im Kopfe, sich den Ablass zu verschaffen für das, was geschehen war. Nur hatten sie noch ein wenig Angst vor ihren Schuldgefühlen, indem sie dermaßen die Eingänge absicherten und überwachten. Sollte das etwa ein Beichtstuhl der Gesellschaft sein? Es fragte sich, wann hier wieder Leute sitzen werden und was entscheiden wollen, um das Ding wieder auf die Spitze zu treiben? Die Lehren können auch verschieden abgeholt werden.

Nun reichte uns die Geschichte beileibe bis zum Halse und wir verließen den Ort der schrecklichen Erinnerung. War doch in keinem von uns ein Fünkchen vorhanden, solches zu befürworten. Beim Rausgehen verlangte es uns noch nach einem Kataloge, um uns diese Abscheulichkeiten zu Hause stückweise einprägen zu können. Jedoch war ein solcher nicht vorhanden. Die Bediensteten reichten uns nur zwei Faltblätter rüber und hielten uns einen merkwürdigen Fragebogen à la Burger-King hin «Na wie waren wir?». Die Fragen entsprachen den üblichen Mustern. Wenn einem Jemand etwas gefiel, war ihm die Möglichkeit gegeben, eine entsprechende Null anzukreuzen.

Wie soll einem eigentlich Mord gefallen? Ein Fragenkomplex trieb nämlich die ganze Angelegenheit wiederum auf die Spitze, und zwar der: «Wie interessant fanden sie die einzelnen Räume der Ausstellung?» Hier konnte man sogar bei «Massenerschießungen», «Deportation», «Todeslager», «Auschwitz» oder «Konzentrationslager» wählen zwischen «interessant», «weniger interessant» oder «ich erinnere mich nicht mehr». Und zum Schluss stand dann da noch der Satz: «Haben Sie herzlichen Dank für Ihre Mühe!»
Für solch eine Mühe ließen wir uns jedoch nicht bedanken, denn die war uns doch zu barbarisch. Wir konnten die Geschichte doch nicht als Ware betrachten! So verließen wir endgültig den Ort des Grauens und verfielen in unseren Gedanken den heftigsten Fragen:

Wie war es möglich, dass Menschen sich untereinander so etwas antaten?
Wie war es möglich, dass eine Sorte Menschen zur Vergasung in der Schlange stand und von einer anderen Sorte dahingetrieben wurde?
Wie war es möglich, dass eine Partei die andere bis zum Tode quälte, ohne dass ein Kamerad dem anderen half, um dessen Tod oder Beschädigung zu verhindern?
Wie war es möglich, dass sich alle den Befehlen fügten, während die wahren Täter an den Schreibtischen saßen?
Wie war es möglich, dass jeder an sich selbst zuerst dachte, um sein eigenes Leben zu retten?
Wie war es möglich, dass jeder noch seinen Koffer im Grauen umherschleppte?
Wie war es möglich, dass den Toten noch die Goldzähne ausgeschlagen wurden?
Wie war es möglich, dass eine Partei sagte: «Leben ist, wenn der andere stirbt?»
Wie war es möglich, dass es so möglich wurde?

Da kam es uns vor, als wenn solche sich es in Mund und Hand versprochen hätten, je einer verziehe dem anderen seinen Tod in der allerunsinnigsten Torheit, welche normalerweise nie ein vernünftiger Mensch begehen könnte.

Und gleichwie entzweiten wir uns, über das Volk, das sich das deutsche nannte, obwohl wir doch mit unserem Ausweis zu ihnen gezählt wurden. Nur, was ist das für ein Volk?

Was hat das denn auf sich mit dem Kategorischen Imperativ?
Was sind die Träume eines Geistersehers?
Wer muss den Kreis vollenden, zu dem er bestimmt ist?
Wer ist rechtschaffen und sittlich gut?
Wo ist die Freude schöner Götterfunken?
Wo ist die Tochter aus Elysium?
Warum befiehlt der Herr Deine Wege im christlichen Abendland?
Warum nennen die sich Christen?

Bei diesem Kopfzerbrechen knurrte uns der Magen an: «Erst kommt das Fressen, dann die Moral!» So wir nun in unserem Verlangen das Essen als das Nächste ansahen, konnten wir doch nicht mehr denken, machten wir uns auf, um in der nahegelegenen Deutschen Demokratischen Republik das Fressen zu finden.

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