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CARL MAI: WIE ES WEITER GING

910825. KAPITEL:

Maien angelt in Berlins Mitte weitere merkwürdige Dinge
aus dem Untergangsabfall hinterm Zeughaus Unter den Linden

MANUSKRIPT

Mülltonnen, 1991Mülltonne in der Mollergasse hinterm Zeughaus: Das dicke Buch DER FRIEDE IM OSTEN von einem Herrn Erik Neutsch, nicht Deutsch, aus der Gewerkschaftsbibliothek VEB Minol mit einem fetten Stempelabdruck drin "ausgesondert". Vorm Titelblatt ein Spruch vom ollen Paul Flemming aus dem Mittelalter: "Zeuch in die Mitternacht, in das entlegne Land, das mancher tadelt mehr, als daß ihm ist bekannt." - Das Buch hat wohl niemand seit 1978 gelesen. Die Seiten sind nicht mal bis zum Buchrücken aufgeblättert worden. Trotzdem versah ein Jemand alles mit einem Plastikschutzumschlag.

Des Weiteren: Zweiundsechzig kleine Blankoheftchen mit dem Aufdruck WEITERBILDUNGSNACHWEIS. Jedes mit sechzehn holzhaltigen Seiten in schöner Formularaufteilung. Linien für Name, Personenkennzahl, Ziel bzw. Bezeichnung des BMW, usw. Auf dem Innenumschlag ist "Zur Beachtung" für Nichtwissende abgedruckt: "Der Weiterbildungsnachweis ist ein staatliches Dokument. Er ist der Nachweis des Werktätigen über die erfolgreiche Teilnahme an der Weiterbildung, über erworbene Befähigungs- bzw. Berechtigungsnachweise und dazu bestandene Wiederholungsprüfungen." Und so weiter.

Ebenso: Zwölf Stück Weiterbildungsnachweise in verbesserter Ausführung. Umschlag in grauem lackiertem Leineneinband mit eingeprägten Buchstaben WEITERBILDUNGSNACHWEIS. Die Seiten sind in den Umschlag eingenäht. Der Inhalt ist der gleiche, wie oben erwähnt.

Dazu: Zwei doppelt so große Heftchen mit blauem flexiblem Plastikumschlag. QUALIFIKATIONSNACHWEIS ist vorne drauf eingeprägt zusammen mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Ebenfalls sechzehn Seiten Holzpapier mit schöner amtlicher Formulareinteilung. Für jede Erklärung eine Linie oder ein Kasten, damit auch alles schön im Rahmen bleibt. Zum Beispiel ein Kasten "Der Prüfung lag folgendes Berufsbild zugrunde:". Da paßt nicht viel rein. Im Innendeckel ist hier die "Beachtung" anders formuliert, und zwar mit einer Präambel von Lenin: "Die Arbeitsproduktivität ist in letzter Instanz das Allerwichtigste, das Ausschlaggebendste für den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung. Der Kapitalismus hat eine Arbeitsproduktivität geschaffen, wie sie unter dem Feudalismus unbekannt war. Der Kapitalismus kann endgültig beseitigt werden und wird auch dadurch endgültig beseitigt werden, indem der Sozialismus eine neue, weit niedrigere Arbeitsproduktivität schafft."

Einer von den blauen Qualifikationen ist schon mit einem Namen von jemandem aus Güstrow ausgefüllt worden. Jener hat vom 18.9. bis 20.9.84 an einer Schulungsmaßnahme teilgenommen, und zwar ist da eingetragen: "Polit.-fachl. Vorbereitung auf den Einsatz am zentr. Jugendobjekt EGT". Abgestempelt mit "VEB Kombinat Minol, Kombinatsleitung, Berlin, Am Zeughaus 1-2". Der Direktor der Betriebsakademie hat aber nicht auf der vorgedruckten Linie unterschrieben. Dem Güstrower gefiel das Berliner Nachtleben für drei Tage besser.

Der andere blaue QUALIFIKATIONSVERWEIS enthält noch  keine  Namenseintragung.  Dafür  ist  die Schulungsmaßnahme schon besser quittiert. Gestempelt wiederum mit "VEB Kombinat Minol". Datum vom "15. März 1985" ist handschriftlich eingetragen. Die Unterschriftzeile "Direktor der Betriebsakademie" ist hier fein säuberlich mit Kuli durchgestrichen, jedoch dafür mit einem anderen Stempel teilweise unleserlich überstempelt: "VEB Kombinat MINOL / -Kombinats....ung / Direktor für .......ildung". Sie haben somit die Ausweise im voraus ausgefüllt, ohne den Täter zu kennen. Wozu ist überhaupt ein Ausweis nötig, wenn alles schon im Computer gespeichert ist?

Mülltonne in der Auguststraße: Wieder ein dickes Buch darin. Diesmal die LIEBESEHE von einem Herrn Albert Hurny. Jahrgang 1920. Freischaffender Schriftsteller auf der Insel Usedom. Lokomotivschlosser, Neulehrer und Schuldirektor waren die Stationen seines Lebens. Gedruckt hat das der Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik im Jahre 1979. Der Stempelabdruck nach dem Titelblatt "Bibliothek Pionierrepublik 'Wilhelm Pieck" ist mit Kuli kräftig durchgestrichen worden von unbekannter Hand. Jedoch verspricht der Klappentext auf dem Umschlag den Inhalt im voraus, falls du das Buch nicht lesen willst: "Die Ehe des Wissenschaftlers Dr. Archibald Hochhäuser mit der Lehrerin Christine gilt als glücklich, bis eines Tages alles in Frage gestellt wird. Ihrer Liebe droht Gefahr ... Archibald ist, nicht ohne eigene Schuld, in das raffiniert gesponnene Netz einer Menschenhändlerbande geraten und schickt sich an, ihren Plänen zu folgen. Die beiden Partner rufen bereits Vergessenes in Erinnerung und suchen nach einem Ausweg". Beim Durchblättern lese ich auf Seite zweihundertfünfundachtzig zufällig den schönen Absatz: "Eine undeutliche Erinnerung bedrängte ihn. Ihm war, als habe sich Elke, von der halben Treppe zurückkehrend, an seiner Hose zu schaffen gemacht und habe ihm danach ins Ohr geflüstert: Ich habe Dir in die Tasche gegriffen. Zur Erinnerung. Damit Du mich nicht gleich vergißt und vielleicht mal wiederkommst, Du, mein langer Glückszipfel." - Soso, Herr Militärverlag. In Deiner Kaserne geht's aber lustig zu. Da handeln ja die Menschen miteinander. Warum leben wir nicht alle in einer Kaserne für die Erinnerung?

Mülltonne Am Festungsgraben hinter der Neuen Wache: Das weggeworfene schwarze Papier eines ambulanten Scherenbildschneiders, worin noch deutlich die Portraits der Ausgeschnittenen zu erkennen sind. Optimal: Das Positiv hat der Kunde mitgenommen, das Negativ hat der Händler weggeworfen.

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