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HANS RICHTER WINKTE HERÜBER

„Raumdefintionen“ von Dietmar Kirves in Düsseldorf

Rezension von Klaus U. Reinke

in: Süddeutsche Zeitung, München, 16./17.8.1969
Dietmar Kirves: Raumdefinitionen, Düsseldorf 1969

Zuerst standen die Leute in der Düsseldorfer Galerie Gunar vor fünf kleinen Drahtkuben, die sich an den Wänden unterschiedlich schnell auf einer ihrer Spitzen drehten. Weiße vor schwarzem Hintergrund und umgekehrt, und jeder anders perspektivisch verzerrt. Bei jedem Umdrehungsgrad nahmen sie andere Gestalt an. Dazu gab es auch zwei Planskizzen, mathematisch genau wie aus dem Büro eines technischen Zeichners. Eine Stunde der Dreistundenaktion von dem Debütanten Dietmar Kirves war dafür angesetzt. Alles hatte sich mit wilder Vehemenz auf diese erste kulturelle Attraktion nach soviel Sommerferienabstinenz gestürzt. Und genau darauf hatten die Mentoren dieses Unternehmens wohl auch spekuliert, als sie quer durch die Düsseldorfer Altstadt eine Art Auftakt zum Saisonbeginn inszenierten.

Gleich drei im internationalen Kunstgeschäft gut renommierte Leute – Reckermann aus Köln, Gunar und Fischer aus Düsseldorf und dazu die kunstambitionierte Rock-Beat-Restauration „Creamcheese" – hatten es sich zur Aufgabe gemacht, einen Newcomer mit einem einzigen gemeinsamen Kraftakt gleich bis in die oberste Etage der progressiven Kunst zu featuren: Dietmar Kirves. Kirves ist seit einem Jahr in Düsseldorf, wo er bisher im „Creamcheese" die Projektionen machte. Vorher studierte er von 1963 bis 1968 in Kassel an der Hochschule für Bildende Künste, geboren ist er 1941 in Fürstenwalde/Spree.

In der Galerie Gunar hatten die Leute aber spätestens nach 20 Minuten alles gesehen, und sie gingen nach nebenan, in Daniel Spoerris Bier-Kunst-und-Eß-Kneipe. Damit hatte die Bezeichnung „Aktion" für das Drei-Stunden-drei-Stufen-Projekt bereits seine Berechtigung erfahren. In der Galerie hatten sie vor den Objekten gestanden, jetzt hatten sie aus eigenem Antrieb über die Straße das Lokal gewechselt und so andere Umwelt und neuen Umraum in den Kunstvorgang eingebracht. In Konrad Fischers Galerie ging es später weiter. Kirves hatte alle Ecken mit schwarzem Band markiert und diagonal hindurch ein schwarzes Tau gespannt. „Demonstration einer Diagonalen im vorgegebenen Raum." Vorher hatten die Teilnehmer die Kirves-Objekte von außen betrachtet, jetzt tauchten sie darin ein, wurden Teil davon.

Und wieder weiter, über die Straße und gleich nebenan ins „Creamcheese", zur Vorführung von „Weg/Zeit-Filmen". Vier, fünf Projektionen gleichzeitig: vorbeihuschende Markierungslinien der Autobahnen, aus ihrem Kern sich immer wieder erneuernde Spiralen, abwechselnd, senkrechte und waagerechte Lichtbalken. Hans Richters abstrakte Filme aus den zwanziger Jahren winkten herüber. Dazu die monotone weibliche Stimme des Fräuleins vom Amt mit der Zeitansage. Es kamen dann auch ein paar Zwischenrufe aus dem Fäkalvokabular.

Kirves hatte recht. Durch die unterschiedliche Konstellation der Teilnehmer zu seinen Objekten und durch die Kombination von „künstlichen“ und „natürlichen“ Umräumen zwang er sie zur Flexibilität und machte damit vor allem scheinbar Gewohntes bewußt und gleichzeitig auf das Vorhandensein eben der Flexibilität aufmerksam. Denn keine Frage — Flexibilität ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für eine morgige Existenz. Aber Kirves hat sich bei dieser seiner ersten großen Aktion auf die dialektische Richtigkeit seines gedanklichen Unterbaus beschränkt. Daher die Sprödigkeit, der mangelnde Charme. Das Vergnügen als wesentliche Antriebskraft ist lange genug eingeführt, als daß man es so einfach hätte auslassen können. Und in noch stärkerem Maß die Mobilisierung der Kreativität jedes Teilnehmenden. Aktivierung des Bewußtseins ist zweifellos von nicht zu unterschätzender Bedeutung, aber sie ist nicht mehr als Interpretation. Daß damit allein keine neuen Ufer zu gewinnen sind, ist keine progressive Erkenntnis, sondern schon eine, die aus dem vorigen Jahrhundert stammt.

© kirves.no-art.info/de/rezensionen/1969_reinke.html