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ENDLICH POSTREVOLUTIONÄRE KUNST IM IV. REICH

Rezension von Bärbel Jaschke

in: RIAS Berlin, KULTURZEIT am 1.12.90

ENDLICH Ausstellungskatalog, designed by Dietmar KirvesMarx, Engels und Lenin sind tot. Sozialistische Devotionalien mit der Aufreihung dieser drei Köpfe gibt's auf dem Trödel. Lebendig sind der Alte Fritz, Bismarck, Hitler und Kohl. Das meinen 31 ungebändigte Künstler aus Ost und West und Nord und Süd. Eine und manch einer hat einen bedeutungsvollen Namen bekommen oder sich selbst verpasst: Paula Underrock, Charly Banana, Sigi Heil, Ernst Kahl, Muffel, Wixfried Schüttelheimer, Funny van Dannen. Alle Einunddreißig jubeln vereint: "Endlich Postrevolutionäre Kunst im IV. Reich." Sie erhitzen sich bei dieser Entdeckung kunst- und lustvoll ausschweifend und gar nicht lapidar im ungeheizten Lapidarium, dem Domizil des Landeskonservators für umweltgefährdete und -gefährdende preußische Originaldenkmalsheroen aus der Zeit vor Beginn des III. Reiches.

Dietmar Kirves: Schlüsselkasten 1990Gleich links neben dem Eingang zu den beiden Weihehallen mit den steinernen Kriegern, Monarchen und Kriegsengeln gibt's einen großen "Hauptschlüsselkasten" von Dietmar Kirves. Da die Welt nur grenzenlos in den Griff zu bekommen ist, haben Persönlichkeiten, die das Garn der Geschichte gesponnen haben oder noch weiterspinnen, die Nachschlüssel zu ihrer ganz persönlichen Spinnstube dort aufgehängt. So kann jeder, aber auch wirklich jeder, beherzt mitspinnen und hat endlich die Wahl zwischen ganz verschiedenen Spinnern: Tarzan, Hohnecker, Kaufmich, Eichmann, Luther, Batman, Wagner, Thatcher, Theresa oder Bush. - Ich würde Bush wählen, denn der hat im Hauptschlüsselkasten einen alten Berliner Durchsteckschlüssel mit zwei Barten deponiert: einen Dietrich für die Zweite und die Dritte Welt. Wenn Gesamteuropa von Kaufmich weiterhin so einheitlich und gleichmacherisch übersponnen wird, findet man mit Bushs Knochen Einlass in die gute alte, ideologiestabile Zeit, wo ein Feind noch ein richtiger Feind und auch einem guten Freund besser nicht zu trauen ist.

Zwischen Auguste Victoria in Marmor und König Friedrich Wilhelm III feiert in Acryl auf Leinwand der Bitterfelder Herpeskönig die deutsche Einheit und furzt mit der dicken Berolina um die Wette: "So ein Tag, so wunderschön wie heute." Doch Schüttelheimers nackten Hitler, der sich auf ein Video in der Pumpenhalle mit Militärmusik, aufblasbarer Gummigermania und mit der Hilfe eines schwarz-rot-goldenen Stricks gleichzeitig um aufgehobene Rechte und vorzeigbare Erektion bemüht, kann er auch durch dieses Freudengeschrei nicht zur nationalen Klimax führen. Der fromme Schlachter Dr. Goltz stiehlt ihm die Show. Er wirbt mit seinem Madonna-Preßsack. In dem werden alle verwurstet, die arm dran und nicht deutsch sind. Futter für den technologisch einwandfreien, unbefleckten Kampf gegen Überbevölkerung und Hunger in der ganzen Welt. Diese Werbung würde wegen ihrer innigen, kindlichen Ästhetik gerade heute sehr gut zwischen die Weihnachtsmarktbuden an der Gedächtniskirche passen. Das leckere Zuckerbäckerbild zur Wiedervereinigung von Georgy Bretschneider könnte zwischen Zuckerwatte, Lebkuchenherzen und Glühwein ganz anders als der Madonna-Preßsack sinnstiftend wirken für Touristen aus aller Welt. Sie würden erkennen: Es muss einfach zusammenkleben, was nicht zusammen gehört.

Dietmar Kirves: Achtung Zukunft 1990Devotionalien gefällig? 13 Ikonen zur Geburt, zum Leidensweg und zur Auferstehung Adolf Hitlers sind im Lapidarium zu besichtigen, auch recht niedliche Modellkrematorien und Sternensinger von Auschwitz und ein frischer deutscher Bub, der ganz allein auf dem verlassenem Todesstreifen "Deutschland, Deutschland, Deutschland" ruft und dazu gar lustig ein schwarz-rot-goldenes Winkelement schwenkt. In Vitrinen ist zu besichtigen, was durch diese Ruferei auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet ist: Eine Aufklärungsschrift über die Revisionskommission des FDGB, das ABC des Schutzpolizisten, Plasteglasuntersetzer, ein Lila Halstuch für Zivilverteidiger, die Anleitung zum Bau von Behelfsmöbeln und zum Anbau von Tabak durch den "Bauernfreund", Reihe "Wir helfen uns selbst". Nix da, Arbeiter und Bauernfreunde, nun wird Euch geholfen, bis ihr Euch selber nicht mehr kennt und es hat überhaupt keinen Zweck, dass da ein unbelehrbarer Künstler vor einer faustballenden Lapidariumsgöttin ein Baustellenschild mit schippendem Arbeiter aufgestellt hat. Deutsche schippen nicht mehr wie zu Anno Tobak nachdenklich mit der Hand. Und Sandhaufen, auf denen "Vergangenheit" steht, gibt's schon gar nicht mehr. Und darum ist das Zusatzschild "Achtung Zukunft", wenn man's richtig liest, von Dietmar Kirves goldrichtig. Habt Achtung vor der schönen, neuen total durchgestylten Zukunft. Den Hauptschlüssel für dieses Horrorkabinett zur deutschen Geschichte drücken wir dem einen oder dem anderen oder dem zukünftigen Erich in die Hand. Die sind erstens auf Nummer Sicher und haben den richtigen Durchblick: Deutschland-Deutschland war eine reine kapitalistische Verschwörung und bevor er oder sie nicht richtig gewählt hat, obwohl ja überhaupt keine Wahl mehr ist, kommt da niemand mehr rein ins Grusel-Lapidarium des Landeskonservators. – Finde ich.

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