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Dietmar Kirves: Wie es weiterging suchen + finden im NO!art-Archiv

521116. KAPITEL:

Maien tritt zum ersten Mal das Wasser aus seinen Augen,
damit er das Weinen verlernt für sein Fortkommen.

Manuskript aus: Carl Mai, Wie es weiter ging, Berlin 1941-92

Kriegerdenkmal | Foto: D. KirvesWegen widriger Verhältnisse nach dem zweiten Weltkriege auf der Nordhalbkugel unserer Mutter Erde ward ich zusammen mit meinen Schwestern und meiner Erbe - das war unsere treue Erziehungsberechtigte - von einem Landstrich in einen anderen vertrieben. Dort angekommen, quartierten uns die Ortsbeamteten nach etlichem Hin und Her in einem Pfarrhaus unterm Dach ein. Das war sodann unsere Neue Heimat. Bis auf die lästigen Schulbesuche und das tägliche Wasserschleppen vom Brunnen bis unters Dach, was sich bei mir auf zwei Eimer beschränkte, erging es mir dort recht gut, zumal ich zumeist das machte, was mir gefiel. Nur die Prügel dafür war oft recht unterschiedlich. Kleiderbügel, Kochlöffel, Besenstiele und Teppichklopfer wurden auf meinem Körper durchbrochen. Anfangs ließ ich mir die Hose dazu runterziehen. Später zog ich sie mir selber vorher runter für die zerberstenden Schläge meines Erbes, was oftmals zur Folge hatte, daß der schwingende Knüppel die Kraft verlor ob meines plötzlich blanken Arsches. Wohl wehrte ich mich mit Geschrei, Gezeter und Weglaufen, jedoch, das Weinen lernte ich nicht. Die Tränen wollten in mir bleiben.

Des sommers pflegte ich dort meinen Bauch mit Äpfeln, Birnen, Kirschen, Himbeeren, Erdbeeren, Radieschen und was sonst die Natur so hergab. In unbeobachteten Augenblicken holte ich mir die schönsten Früchte aus den fremden Gärten. Einmal nahm ich mir sogar den einzigen Apfel von einem jungen, wohlgehüteten Bäumchen. Dabei entging ich dank des Mistes, der dem Bauern unter den Holzpantinen klebte, einer kräftigen Tracht Prügel. Mein Verfolger rutschte nämlich auf seinem eigenem Mist aus und fiel dabei auf die Nase.

Des winters rauchte ich auf dem Dachboden des Pfarrhauses getrocknete Birnbaumblätter in meiner weißen Tonpfeife, die mir der Nikolaus geschenkt hatte. Und mit den dort gestapelten Kirchenakten machte ich mir hin und wieder ein kleines Feuerchen, um meine Seele zu erwärmen. Von Religion und Heiligtümern verstand ich nämlich nichts.

Zwischendurch ließ ich es mir besonders gut ergehen, wenn eine Beerdigung übers Pfarrhaus kam. Während alle trauernd auf dem Friedhof die Leiche begruben, standen schon die großen Bleche mit dem Butterkuchen im Gemeindesaale bereit für den nachleichlichen Kaffeeschmaus. Und ein jedes Mal blieben die Leidtragenden so lange auf dem Gottesacker, bis ich ein ganzes Butterkuchenblech verspeist hatte. Ein ganzes Blech mehr oder weniger, das fiel nicht auf bei so viel Trauernden.

Zu unserem Pfarrer hatte ich ein gutes Verhältnis. Immer wenn ich sonntags in der Kirche war, gab er mir einen Stempel auf eine Karte, die er mir zu Anfang des Jahres ausgehändigt hatte für mein frommes Erdendasein. Wenn er unter der Woche die Bauern auf ihren Höfen heimsuchte, neckten ihn diese oft, indem sie ihre Jauchekuhlen vor seinem Herannahen öffneten. Einmal fiel unser Pfarrer sogar mitsamt seinem Fahrrad in solch einen Pfuhl hinein. Da tat er mir leid, jedoch wollten auch hierbei nicht die Tränen aus mir heraus.

Nun entschieden eines Tages die Regierenden, daß sieben Jahre nach dem Ende des letzten großen Weltkrieges an jedem zweiten Sonntage vorm Ersten Advent der umgekommenen und erschossenen Helden gedacht werden müsse. Sie nannten ihn den Volkstrauertrag.

Weil nun die Kirche mit den Regierenden im Vertrag stund - zog doch der Staat den Leuten den Zehnten aus der Tasche, um ihn der Kirche zu geben - war unser Kirchenpfarrer zutiefst verpflichtet, uns den Volks-Trau-Ertrag zu lehren.

Und so ward es dann getan: An einem nebligen und kalten Novembersonntag ging es nach dem Gottesdienst hinaus auf den Friedhof zum Kriegerdenkmal. Im Kreise mußten wir uns um die Stufen des Mahnmals aus dem Ersten Weltkrieg aufstellen. Eine schweigende ernste Menge in grauen und schwarzen Wintermänteln, den Blick zum Boden gewandt. Ein Posaunenchor blies in den tiefsten Tönen schleppend "Ich hat einen Kameraden, einen besseren gab es nicht, ...". Mir wurde schon ganz schummerig zumute zwischen all den großen Leuten. Alsdann hielt unser Pfarrer eine kleine Ansprache im schwarzen Talar, wie schlimm alles gewesen sei. Er sprach von Massenvernichtungen und Bombennächten, obwohl hier im Dorfe nix kaputt gegangen war. Die Trauer war grenzenlos. Er sprach von Allvater und seinem Sohn am Kreuze. Er sprach von Schuld und Sünde.

Nach seinem Amen legten einige Veteranen andächtig einen Riesenkranz mit schwarz-rot-goldner Schärpe unter dem steinernen Stahlhelm nieder. Und wieder stimmten die Posaunen schleppend und dumpf dröhnend an "Ich hat einen Kameraden ..." Die Stimmung wurde immer trauriger. Mir lief schon ein leichter Schauer den Rücken hinunter. Und als nach einer schrecklich traurig langen Schweigeminute der Posaunenchor wiederum in schleppenden Trauerton sich die Deutsche Nationalhymne erblies und alle leise murmelnd sangen: "Einigkeit und Recht und Freiheit ...", da plötzlich kam es über mich. Die Tränen flossen mir aus den Augen. Ich weinte.

Ich wußte allerdings nicht, ob der tiefe Klang der Posaunen mich zu Tränen gerührt hatte, ob es die gemurmelte Nationalhymne war, oder ob der allmächtigen Trauer war. Jedenfalls mußte ich später hin und wieder weinen, wenn mich ein Musikklang besonders berührte.

So sind es vielleicht doch die Frequenzen, mit denen wir Menschen uns umrühren.

Nebenbei gesagt: Bei der Deutschlandhymne kamen mir nie wieder die Tränen, weil ich es eifrigst vermied, mich dieser hinzugeben.

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