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Dietmar Kirves: Wie es weiterging suchen + finden im NO!art-Archiv

540629. KAPITEL:

Maien beobachtet die Natur beim Sonnenaufgang und läuft davon,
als der Uberlebenskampf dort beginnt.

Manuskript aus: Carl Mai, Wie es weiter ging, Berlin 1941-92

Toter Vogelnestling | Foto: D. KirvesEs ist taufrisch und sonnig am Morgen auf der Wanderung zu dem einsamen Teich in den Wiesen, im Volksmund genannt die Torfkuhle. Die Sonne ist gerade erst aufgegangen und steht noch wie ein feuriger Ball am Horizont.

Die Tautropfen hängen wie Perlen an den Blättern und Gräsern. Die Wipfel der Bäume wiegen sich im säuselnden Winde und alles ist von einer unberührten Feierlichkeit durchdrungen.

Die Amsel flötet ihr Morgenlied aus voller Kehle hinaus. Dazu schnalzt ein Hausrotschwanz vom Dach herunter und in den Weiden piepst die Kohlmeise in Konkurrenz mit der Blaumeise.

Ich wandere andächtig durch die erwachende Natur zur Torfkuhle. Tief über die Erde jagen die Rauchschwalben mit aufgerissenen Schnabeln dahin, den sie als ein kleines Fangnetz für Fliegen und Mücken benutzen zu ihrer Ernährung. Wie arm sind wir Menschen doch da dran. Uns fliegt das Gebratene nur im Schlaraffenland ins Maul. Und ausserdem können wir gar nicht fliegen.

Die Stare in den Zweigen ahmen alle möglichen Vogelstimmen nach und in der Eichenkrone zetert die Waldgrasmücke. Unaufhörlich begleitet mich der bunte Sieglitz am Wegesrand. Die Vögel und Tiere zeigen gar keine Scheu vor mir einsamem Wanderer.

Mehrere Elstern hacken auf einer saftigen Wiese nach fetten Würmern. Ihr Gefieder schillert in der Morgensonne. Und aus den hohen Buchen erklingt das lustige Zilzalp des Weidenlaubsängers .

Am Teich angekommen, wo ich die Welt am Wasser beobachten will, werden meine Augen und Ohren noch grösser. Aus dem nahen Fallaub krächzt ein Fasan, der nach Würmern und vorjährigem Samen scharrt. Plötzlich sehe ich in einem nahen Kornfeld ein Reh. Zum Glück habe ich Gegenwind. Ich bleibe ganz still stehen, während es zu mir hinäugt. Gemächlich grast es umher und beisst hier und da einen Halm in der Wiese ab. Es muss mich wohl für einen Zaunpfahl halten. So ruhig stakst es weiter im Gras umher, hier und da die Nahrung pflückend. Doch langsam bekommt es Wind von mir und flieht mit hohen Sätzen in das nahe Buschwerk.

Vorsichtig pirsche ich mich langsam leise an die nahe Torfkuhle heran, um kein Lebewesen zu erschrecken. Das spiegelglatte dunkle Wasser glänzt im aufgehenden Sonnenglast. Am jenseitigen Ufer kräuseln sich leicht die Wellen. Da schwimmt am Rande des Binsengürtels ein Teichhuhn mit drei Jungen einher. Die Jungschen wollen immer in die Binsen rein, wo die Alte nicht reinkommt wegen zu großer Größe, und bekommen deshalb Ärger mit der Mutter.

Im seichten Wasser lassen sich die Frösche nicht lumpen und quarren, anstatt zu quaken, während zwei Teichrohrsänger sich in der Luft umschwirren.

Behutsam kann ich mich bei dem Gequake zu meinem Astgabelsitz im Baum am Ufer hin schleichen. Oben angekommen, breite ich meine mitgebrachte Wolldecke aus und wickele mich in diese ein wegen der Kühle und um keinen Geruch abzugeben für die Tierwelt. Mein Blick schweift über den friedlich erscheinenden Teich in der kühlen, klaren sonnigen Morgenluft.

In den Binsen schwimmt derweil ein kükengroßes Teichhühnchen einher. Ganz allein. Mit nickendem Köpfchen wie die alten. Mal hier- und mal dorthin sein Schnäbelchen ab und an ins dunkle Wasser stippend. Zielstrebig lustig verschwindet es wieder in dem Uferpflanzenurwald.

Und wieder knurren und quaken die Frösche plötzlich unaufhörlich durcheinander. Ein Glück, daß mein Musiklehrer nicht die Noten davon haben will. Ich weiß nämlich nie, wo das "A" liegt auf den verteufelt graden Notenlinien. Quarrk, knurr, knuhrrr, knur quark, quahk, quahahaquak. "Ihr quaakt aber ganz schön hier herum!"

Jetzt wird die Teichhuhnmutter nervös. Ein stechendes Stakkato zu dem Froschgequake. Kürrk, kürrk, kürrk. Das Konzert fängt an. Die Frösche mit den Teichhühnern. "Vielleicht fressen Teichhühner sogar Frösche?" So nach und nach versammelt sich die Teichhuhnfamilie und verzieht sich für den Landgang in eine nahegelegene Binsenbucht.

Neben mir auf dem Telegrafenmast, dessen Drähte am Biotopp entlangführen, lässt sich flügelschwingend eine Rabenkrähe nieder. "Ärrrk, ärrk, arg", war ihre Meinung. Als sie mich dann sieht, streicht sie wieder ab. "Ich war ihr wohl zu groß in meinem Baum da oben."

Für die Rakrä, die mich verlassen hat, kommen jetzt die Meisen zu mir ins Geäst. Meine gute grüne Wolldeckentarnung lässt sie übermütig werden. In nur ein Meter Entfernung setzten sie sich ins Geäst und fangen ein unheimliches Gezeter an. Bald besser als die Spatzen. Ich kann gut beobachten, wie sie sich dazu aufplusteren. Doch genauso schnell, wie sie erschienen waren, tobt die Vogelbande wieder von dannen. "Das verstehe ich vollkommen. Es reicht, mich einmal gesehen zu haben!"

Zwischendurch holt die Teichhunhmutti ihre Jungen wieder ans Ufer zurück, weil die dauernd an den Binsen rumpicken. Zu viel Pudding essen, ist auch nicht gut. Wenn die Kühe in den Klee gehen, explodiert ihr Magen. Fett und rund torkeln sie dann über die Feldwege in ihren Stall.

Drüben beim HaZwei, ich hatte die umliegenden Bäume buchstabiert durchnumeriert für meine Geländezeichnungen, hackt ein Grünspecht in der morschen Borke rum. Wie ein Maschinengewehr. Tack, tack, tack, tack, tack, ... und die Frösche knurren dazu mit ihrem wasserschlabbernden Maul. Warum sagen die Menschen denn: "Halt's Maul?"

Weil manch ein Mensch so quaken kann wie die Frösche, besonders wenn sie zu den Regierenden gehören. Da wird aus dem Quaken dann sogar noch Quark.

Das Morgenkonzert der Fauna treibt jetzt dem Höhepunkt zu: Die Frösche knurren quakend weiter im schlammigen Ufer vor sich hin. Der Specht hämmert dazu in den Bäumen rum, daß die Späne fliegen. Ein Ringeltauber gurrt im nahen Geäst mit seinem dicken Kropf. Und der Fasan krächzt wieder aus dem Bodengestrüpp. Über mir machen sich wild flatternd etwa zwanzig Kiebitze zur Landung bereit. "Knui, knuii, knuiih", ist ihre Musikzugabe. Und auf dem glatten Wasser zeigt sich mit lautem Klatschen ein Haubentaucher, weil er immer wieder mit kräftigem Schwung ein- und auftaucht. Das Wasser perlt in glänzenden Tropfen an seinem Gefieder herunter.

Die Kühle des Sommersonnenmorgens weicht nun einer angenehmen Wärme. Ich rolle meine Decke zusammen und steige von meinem Ansitz in der Baumkrone herab, um mich durch das Ufergebüsch zu schleichen.

Die Teichhuhnjungen spielen und necken noch immer mit ihrer Mutter herum. Sie können es nicht lassen, ihre wachsame Mutter zu reizen. Aus dem nahen Buchenwald pfeifft ein Pirol herüber, ohne sich sehen zu lassen. Im Gebüsch singt die Nachtigall ihr freundliches Liedchen, obwohl ihr Revierkampf schon abgeschlossen ist. Manch eine kann eben nicht genug kriegen. Auf der alten, knorrigen Eiche sitzt ein Tauber. Er druckst nur so vor sich herum und bringt keinen anständigen Laut hervor. Vielleicht war er sauer, weil sein Täubchen ihn verlassen hat.

Alsdann machte ich mich auf den Heimweg. Überall zilpzalpte die Gartengrasmücke in ihrem unscheinbaren Kleidchen in den Büschen rum. Als ich bei der letzten Eiche angelangt war, warf ich meine Blicke auf die angrenzende grüne saftige Wiese. Dort stolzierte wieder ein bunt schillernder Ringfasan einher nach Freßbarem scharrend. Nur fünfzehn Meter kam ich pirschend an ihn heran, um ihn näher bei seiner Verrichtung zu beobachten. Das ließ er jedoch nicht zu. Er erkannte mich und verzog sich flügelschwirrend ins nächste Gestrüpp.

Sodann scharrten da noch einige Rebhühner auf der Wiese rum, die meiner noch nicht gewahr worden waren. Den Wiesengrund teilten sie sich mit einigen Elstern und Kiebitzen. Welch wunderbare verschiedenartige Gesellschaft.

Jedoch war ich es nun nicht mehr, der die Gemeinschaft störte. Jetzt traten die Raubvögel in Erscheinung: Der Sperber, zwei Rüttelfalken und ein Habicht beherrschten den Luftraum. Der Kampf in der Natur nahm jetzt Ausmaße an, die ich nicht mehr sehen wollte.

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