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Dietmar Kirves: Wie es weiterging suchen + finden im NO!art-Archiv

880502. KAPITEL

Maien wird von der Staatsgewalt festgenommen und schmort in einer
Einzelzelle. Nach einem endlosen Stunden wird er
mit einer Strafanzeige in die Freiheit entlassen.

Manuskript aus: Carl Mai, Wie es weiter ging, Berlin 1941-92
Gefangenzelle im Polizeigewahrsam Berlin 1988
Meine Zelle im Polizeigewahrsam mit Klimaanlage auf 28 Grad eingestellt

In der Türkenkneipe am Görli, wo ich nun mit der Politikstudentin um Mitternacht aus Furcht vor der Staatsgewalt mich aufhielt am Ersten Mai, hatten sich noch viele andere reingeflüchtet, so daß der Laden knallvoll war. Eigentlich wollten alle nach Hause gehen. Das ließ sich leider jedoch nicht in die Tat umsetzen, weil die Kabus (= Kampfbullen) sich in einem wahren Tanz auf der Straße austobten. Nach ner halben Stunde Wartezeit verließ merkwürdigerweise das Gros der Anwesenden die Lokalität. Dabei wurde allerdings der türkische Inhaber der Kneipe immer nervöser ob der Tobsucht draußen. Freundlich forderte er mich und meine Kommilitonin auf, doch lieber in den hinteren Teil der Lokalität zu gehen, weil er sich um seine große Schaufensterscheibe fürchtete. Der Steine auf der Straße schepperten zu viele.

Knall, Krach, Peng, die Straße wird zu eng. Bumm, bumm, Knall und Krach, wer gibt auf uns noch acht? Da wir uns das nicht gefallen lassen wollten, warteten wir so lange, bis der Bullenterror sich halbwegs beruhigt hatte, um nach draußen gehen zu können. Das war nicht so einfach. Sollten wir uns etwas zu Schulden kommen lassen? Warum denn? Wir waren uns keiner Schuld bewußt. Kein Stein war in unsere Hand geraten. Nur lagen die alle auf der Straße herum. Und die Buwas (= Bullenwannen) verfeuerten die Steine mit ihren durchdrehenden Rädern auf der Straße herum. Knall, peng, krach, ...

Als wir dann nach draußen gingen, kam es ganz erschrecklich über uns. Die näheren Straßen um uns herum waren von Kabuketten abgesperrt. "Ist das ein Kessel hier? Wollen die uns alle hier aushungern?" dachte ich bei mir. Die Manteuffel rechts und links zu, die Skalitzer vorne und hinten zu, die Wiener zu. Nur auf der Oranien in Richtung Heini waren keine Kabus zu sehen. Also, am besten erst mal da runter zum Nachhauseweg.

Jedoch auch am Heini verwehrte uns ne ganze wilde Kabukette den Heimweg mit Sturzhelmen, Knüppeln und Kampfschildern. Dahinter stand noch drohend eine große grüne Bulawa (= Bullenlautsprecherwagen).

Locker und gelassen sprach ich einen von den Kabus in der Kette an: "Wir wollen nach Hause. Können Sie uns bitte hier durchlassen?" Das einzige, was er mir antwortete, war: "Nee, das gibt's nich!" Ohne mit der Wimper zu zucken, blieb er breitbeinig angriffsbereit vor mir mit seinem Kampfschild stehen und war zu keiner weiteren Auskunft mehr in seiner Diensterfüllungsaufgabe bereit.

Neben mir redete ein Türke, der anhand seines Ausweises bewies, daß er am Heini wohne, eindringlich auf nen Kabu ein, ohne Erfolg zu haben für sein Zuhause. Andere wiederum fingen an, mit den Kabus zu diskutieren über den Sinn der ganzen staatsgewaltigen Aktionen hier. Die Front ließ sich nicht aufweichen.

Jetzt jedoch tönte es aus der nahen grünen Bulawa mächtig in voller Lautstärke heraus: "Bitte verlassen Sie den Bereich der polizeilichen Maßnahmen! Dies ist die erste Aufforderung!"

Die nun folgende kurze Stille lähmte alle. Energisch wandte ich mich nun aber wieder an meinen schon mal angesprochen Kabu in der Kette: "Wir wollen gerne den Bereich der polizeilichen Maßnahmen verlassen. Lassen Sie uns bitte hier raus!" Das lehnte er wiederum ab und wies uns mit seinem Knüppel daraufhin, in Richtung Görlitzer U-Bahnhof zu gehen. Dort war allerdings auch alles abgesperrt.

Nun jetzig schallte es auch schon wieder empfindlich laut aus der Bulawa raus: "Verlassen Sie sofort den Bereich der polizeilichen Maßnahmen. Dies ist die letzte Aufforderung!"

"Hier kommen wir nicht mehr raus", sagte ich zur Politikstudentin, "die wollen wissen, wer hier rumläuft. Erkennungsdienstliche Behandlungen sind angesagt. Wir müssen hier weg. Aber ohne Hast und Eile. Nur nicht auffällig werden."

Langsam gingen wir wieder die Oranien runter in die mit dem Knüppel angewiesene Richtung. Die Lokale waren jetzt alle geschlossen. Wer wollte auch jetzt noch was verzehren hier? Der Vollmond hing dick, groß und vollrund niedrig überm Häusermeer. Im fahlen Mondlicht standen Leute auf den Dächern und blickten auf uns herab. "Hatte nicht schon EH (= Erich Honecker) als Dachdeckergehilfe gearbeitet, um auf die Leute herabzusehen zu können?" schoß es mir durch den Kopf.

Nach etwa zweihundert gemächlichen Schritten blieb ich mit der Jupo (= Jungpolitikerin) in angemessener Entfernung von den Kabuketten stehen. Wieder unterhielten wir uns mit anderen über die Taktik der Staatsgewalt und wie es denn nun hier weitergehen solle. Dabei beobachtete uns von der gegenüberliegenden Straßenseite ein Trupp von etwa zehn Kabus.

Plötzlich rasten die Buwas wieder wie irre über die Oranien und sprangen beim Wenden über die Bordsteinkanten. Wie können das nur die Reifen aushalten. Das ist ja „Der Tanz der Wannen" ging es in meinen Sinn.

Und jählings rannten alle um mich Herumstehenden in verschiedenen Richtungen hinweg von mir. Seelenruhig blieb ich jedoch auf meinem Fleck stehen wie eine feste Burg. Wozu sollte ich wegrennen? Stehenbleiben war bisher immer das Sicherste. Dann rasen die Kabus in ihrem Streß doch an Dir vorbei!

Nur war es dieses Mal nicht das Sicherste für mich, was ich tat. Denn urplötzlich umringten mich mehrere, martialisch ihre Knüppel schwingende Kabus. Der Längste von jenen eröffnete mir trocken: "Sie haben eben mit einem Stein geworfen! Sie sind verhaftet!" Ich für mein Teil sagte dazu nichts. Was sollte ich auch tun bei dieser Überzahl an Staatsgewalt? Mich wehren, hatte da überhaupt keinen Sinn. Da würd ich gleich was mit den Knüppeln übergebraten kriegen. Dafür war mir meine Rübe zu schade.

Ich leistete also ihren Anweisungen Folge und ging "bereitwillig" mit, ohne mich von denen anpacken zu lassen. Umzingelt von den Kabus führten mich jene zu einer bereitstehenden Wanne in der Oranienstraße. Dort mußte ich mich mit erhobenen Händen breitbeinig an das Wannenblech stellen. Zuerst mit dem Gesicht zum Blech und dann mit meinem Rücken zum Wannenblech. Dabei tastete mich einer von den Kabus von oben bis unten brutal und hektisch ab.

Sodann war der Kabu noch nicht mit meiner Beinstellung zufrieden. Deshalb trat er mir mit seinen schweren Kampfstiefeln anständig in meine Beine, weil ich die noch breiter machen sollte, und griff mir daraufhin von hinten kräftig in meinen Hodensack. "Ist das denn eine Waffe? Kann man darin was verstecken?" fragte ich ihn vorsichtig, erhielt aber nur Tritte zur Antwort.

Nachm Abtasten filzte der Kabu sämtliche in meiner Kleidung befindlichen Taschen und drehte mich dabei wie einen Kreisel um die eigene Achse.

Folgende Dinge hatte ich bei mir: Einen kleinen vollautomatischen Fotoapparat für achtzig Aufnahmen pro Film, meinen grünen Berliner Behelfsmäßigen Personalausweise die BVG-Arbeitslosenberechtigungskarte, mein Telefonverzeichnis, ein leinenes Taschentuch aus meiner Jugendzeit, ein Schlüsselbund mit Kette am Ledergürtel befestigt und eine leere, durchsichtige Filmdose. Der Abtaster hielt das alles für wertloses Zeug und gab mir alles wieder zurück. Merkwürdig, sonst waren die immer auf die Kamera heiß und hatten den Film da rausgerissen oder die ganze Kamera mit dem Film mitgenommen, um die Bilder selbst zu entwickeln. Glücklicherweise hatte ich es immer geschafft, daß da keine Bilder drauf zu sehen waren. "Wer weiß auch schon, wie man alles richtig entwickeln soll mit den Gesetzen, wenn man dazu befugt ist, diese zu vollziehen", dachte ich bei mir.

Alsdann forderte mich der brutale Kabu auf, unverzüglich in die Wanne zu steigen. Tat das wiederum "bereitwillig", um mich keiner direkten Gewalt aussetzen zu müssen. Jedoch wandte ich mich beim Einsteigen noch mal im Stehen um und blickte hinaus auf die Herumstehenden, die meiner Verhaftung nun in großer Zahl beiwohnten. Aus der Menge rief mir jemand entgegen: "Wie heißt Du denn?" Erhobenen Hauptes rufe ich dreimal hinaus: "Carl Mai . . . Carl Mai . . . Carl Mai ... aber mit "C" am Anfang und "i" am Ende!"

Und nun begann eine tolle Fahrt. Kabus sprangen von allen Seiten in die Wanne rein, die jetzt brechend voll war. Trotzdem kriegte ich noch einen Sitzplatz als Betroffener dicht bei der hinterwärtigen Wannentür in der Ecke. Kabus lagen sogar quer im Gang rum und zwei hingen sogar beim Fahrer im Fenster rein. Im Grunde genommen war das ja eine lustige Gesellschaft hier, in der ich mich befand. Keine verbissenen Gesichter. Alles junge Leute unter den Kampfhelmen. Ich glaubte sogar, darunter einen weiblichen Kabu entdeckt zu haben. Bei der Kampfanzugmontur von den Eishockeyspielern in Grünoliv hatte ich einige Schwierigkeiten, es festzustellen. Jedoch, ich fühlte sie.

Also fuhren wir gemeinsam ab mit lustigem Lachen und dem Scheppern der Plastikkampfschilder an der blechernen Wannenwand. Nach einer kurzen wilden Fahrt, bei der ich nicht mitkriegte, wo es lang ging, die Sicht nach draußen war mir durch die vielen Kabus versperrt, überführte man mich am Moritzplatz in eine Vewa {= Vernehmungswanne).

"Verdammt noch mal", dachte ich mit mir laut, "hier stehen aber reichlich viele Gesetzesbefugte mit ihren Fahrzeugen rum!" Die reinste Wabu wie im alten Burenkrieg (= Wannenburg). Und die Vewa stand genau Ecke Moritzplatz und Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße. "Da sehen die Fluchtmöglichkeiten aber recht schlecht aus", wurde es mir bewußt, "da vorne die Mauer vom Arbeiter- und Bauernstaat. Da komme ich nich durch, weil ich keinen Passierschein bei mir habe, obwohl die Grekos (= Grenzkontrollettis) vom Osten dort bereitstehen in strahlender Beleuchtung. Ja, und zurück? Da wimmelt es von Kabus und Wannen, Wawes (- Wasserwerfer) und Ziviwagen, Getrapos (= Gefangenentransporter) und Bulas (= Bullenlastwagen) für Räumabfahraktionen, Bumos (= Bullenmotorräder) und Bubas (= Bullenbagger) mit Räumschildern. "

"Also keine Fluchtmöglichkeiten! Wozu auch? Welchem Uniformiertem soll ich den Orden geben, weil er mich erfaßt hat auf der Flucht? Den Orden verleihen immer die Anderen, die Du vorher onanieren mußt", ging es mir durch den Kopf.

Solche Gedanken waren jetzt sinnlos, weil alles schon seinen Lauf genommen hatte. Zwei Kabus führten mich rechts und links unter meine Arme fassend zu einer Vewa hin.

Heller Innenraum. Zwei Bänke längs den Wagenwänden, dazwischen ein kleiner festmontierter Tisch, auf dem etliche Formulare rumlagen. Mit ausgestrecktem Zeigefinger wies mich ein Nobu (= Normalbulle) an: "Da hinsetzen!" Der Nobu war eigentlich noch recht freundlich nach der brutalen Behandlung von den Kabus.

Neben dem Nobu lagen nun auf der Bank in der Vewa etliche Pflastersteine aufgehäuft rum zusammen mit einem großen gelben Stein. Solch einen großen gelben Stein hatte ich in Kreuzberg noch nicht gesehen. "Vielleicht sitze ich hier bei einem staatlichen Geologen rum oder bei einem Steinfetischisten. Das könnte ein Kunstwerk sein, die vielen kleinen grauen Pflastersteine und der große Gelbe", überlegte ich mir, "was will die Staatsgewalt denn damit machen?"

"Ihren Ausweis, bitte!" "Hier ist er!" Der Nobu machte hier aber einen höflichen Eindruck. Wurde hier sogar mit 'Sie' zwischenzeitlich angeredet. Der hemdsärmelige Nobu - wegen der Maihitze hatte er sich die Uniformjacke ausgezogen - nahm meinen Behelfsmäßigen Personalausweis entgegen. Ohne mich anzublicken, füllte er ein vorgedrucktes Formular mit meinen Daten aus.

Das mußte wohl eine Anzeige sein, die er da zu Papier brachte. Wollte ihm nicht zu nah auf seinen Schreibkram blicken, sonst hätte er sich vielleicht noch in seiner Buchstabenfolge verschrieben. Fragen tat er mich merkwürdigerweise auch nichts. Er schrieb nur dauernd auf seinen vorgezeichneten Formularlinien rum. Dann nahm er einen grauen Pflasterstein von dem Haufen auf seiner Sitzbank auf und schob diesen in einen braunen DIN-A-4-Umschlag. Auf diese Tüte kritzelte er nun wiederum mit seinem Kugelschreiber meinen Namen. An die Tüte heftete er dann noch das von ihm ausgefüllte Formular und gab mir meinen Behelfsmäßigen Personalausweis zurück.

Ich hatte gar nicht gedacht, daß das so schnell geht mit den untergeschobenen Argumenten. Zum Glück hatte ich den großen Gelben Stein nicht aufgedrückt bekommen. So einen Stein gabs hier ja auch nicht auf den Straßen. Den hätte ich zumindest in ner Einkaufstasche von zu Hause mitbringen müssen.

Es war schon merkwürdig. Die Bullen ließen mich überhaupt nicht zur Ruhe kommen. Die waren hier nur an Bearbeitungsvorgängen mit Aktenzeichen interessiert. "Mit Erklärungen kannst Du da gar nichts machen, wenn Du mal in die Mühle reingeraten bist", stellte ich fest.

Jetzt bat mich der hemdsärmelige Normalbulle mit einer blondgelockten Normalbullin zur Fotoaufnahme vor die Wannenvernehmungstür. "Stellen Sie sich bitte dahin! An die Wagenwand!" sagte die Blondine mittelfreundlich zu mir und zückte eine Plastikpolaroidkamera. Sie richtete die Kamera genau auf meinen Kopf zum Halbportrait und suchte mich im Sucher. Ich blickte in die Sofortbildkamera und kniff mein linkes Auge zu. Es blitzte und die Kameratechnik spuckte surrend ein sich selbst entwickelndes Foto aus.

Insgeheim dachte ich bei mir: "Das ist ja alles noch ganz nett hier. Vielleicht werde ich gleich wieder entlassen."

Jedoch nichts dergleichen ergab sich, das meiner Phantasie entsprach. Ich mußte immer noch an der Vewawand stehen, denn die beiden verschiedengeschlechtlichen Nobus vor mir starrten immer noch angestrengt auf das geschossene Farbfoto von mir. Da ich mich in der einschlägigen Fotografie schon mindestens seit dreißig Jahren auskannte - meinte ich doch, das seien immer die realistischsten Bilder -, erblickte mein Kennerauge von weitem auf dem Polaroidfoto ein schwarzes Quadrat mit weißem Rand.

"Oho", dachte ich bei mir, "Schwarze Quadrate sind schon immer meine Freunde gewesen. Das Schwarze Loch im rechten Winkel. Sollten die Nobus etwa meine schwarze Seele fotografiert haben in ihrem Eifer?"

Langsam trat ich nun an das gemachte Foto ran. Da war wirklich auch trotz längerem Draufblickens nichts zu sehen als Schwarz. So ein Foto hatte ich bisher nicht mal von mir selber selbst machen können. Jedoch hatte ich keine Lust, hier meine fotografischen Kenntnisse aufs Tableau zu bringen. Mit meinen abgeschriebenen Fluchtgedanken im Kopf wartete ich darauf, wie die Nobus sich entscheiden würden. "Ich geb doch keine Ratschläge für Erkennungsfotos", befahl ich mir selbst.

Beide Nobus besprachen nun ihre Popoka (= Polizeipolaroidkamera} und stellten dabei fest, daß da noch Fotomaterial in der Popoka sein müßte. Nach einer kurzen Weile des Besprechens entschlossen sie sich zu einer weiteren Aufnahme von mir.

"Stellen Sie sich bitte wieder an die Wagenwand", sagten die beiden Nobus zu mir und richteten die Popoka dabei auf mich wie eine Pistole. Wieder blickte ich treuherzig ins Objektiv. Jedoch kniff ich diesmal mein rechtes Auge kurz während der Aufnahme zu. Der Elektronenblitz knallte mich voll an und die Popoka spuckte wieder surrend ein neues Foto aus.

Erlösendes Lächeln bei den beiden Nobus. Glücklich riefen sie in die laue Maiennacht mit dem Vollmond hinein: "Das Bild entwickelt sich langsam ..."

Das wiederum wollte ich aber auch in Augenschein nehmen und drängte mich desterwegen an das Foto ran. Der Polaroiderfinderfritze hatte doch immer so ne schöne langsame Entwicklungsgeschwindigkeit in seine Technik eingebaut. Mein Konterfei nahm an Schärfe und Farbigkeit immer mehr zu. Die blonde Nobuin hielt das Foto ins Licht der Laterne am Moritzplatz.

Ganz langsam entwickelte sich in der Mitte von dem schwarzen Quadrat nun ein bunter Fleck mit meiner Visage und dem zugekniffenen rechten Auge. Tja, mehr kam dann aber nicht von mir raus. Mein Kopf sah darauf aus wie ein lachender Buddha und ringsherum war wieder alles schwarz. Wegen meinem zugekniffenen rechten Auge meckerten die beiden Nobus überhaupt nicht, weil sie froh waren, etwas erkennen zu können. Es war ein Foto wie durch ein Fernrohrfischauge aufgenommen. Wenn die gemeckert hätten, hätte ich ihnen gesagt, daß ich immer so schreckhaft sei beim Blitzen. Ich weiß nämlich nie, was ich mache, wenn ich angestrahlt werde.

Jedoch rätselte das Nabu-Pärchen wieder an dem gemachten Foto rum. Sie konnten sich nicht entscheiden, ob das reichte für die erste Erkennungsverbehandlung. Unsicher geworden, befragten sie noch einen übergeordneten Nobu in der Wabu. Dieser wollte mich nun mit meinem Konterfei vergleichen. Zu diesem Behufe trat ich allerdings ganz schnell in die Dunkelheit hinter der Vewa zurück, so daß jener nur mein Foto betrachten konnte, ohne mich in Augenschein nehmen zu können. Schließlich einigten sich die drei Nobus. Einhellig waren sie der Meinung: "Das reicht!"

Alsdann wurde ich wiederum artig gebeten, mich doch wieder in die Vewa zu begeben. "Bereitwillig" folgte ich ihrer Aufforderung. Das Buddhafoto von mir heftete nun der Nobu an meine braune Steintüte, die noch auf dem befestigten Tisch zwischen den Holzbänken lag.

Sodann geschah zuerst einmal gar nichts. Die Nobus waren von ihrer bisherigen Tätigkeit des Formularausfüllens und Fotografierens erschöpft. Allerdings blickte die blonde Nabuin dauernd in der Vewa nervös umher, wie ich feststellte. Unvorhergesehen zog sie auf einmal ne Thermoskanne aus ner Tasche unter den Holzbänken hervor. In Plastikbechern schenkte sie sich und dem Nabu den heißen, dampfenden schwarzen Bohnenkaffee ein. Da war ich aber baff. Unverfroren fragte ich die blonde Nabuin: "Ich trinke auch gern Kaffee mit Milch und Zucker. Können sie mir davon was abgeben?"

Jetzt wurde mir noch baffer, weil die blonde Nabuin mir in einem weiteren Plastikbecher den heißen Kaffee mit Zucker reichte. Sie entschuldigte sich noch, daß sie keine Milch dabei hätte. Wenn ich jetzt noch ne schwarze Zigarre dabei hätte, wäre mir der Genuß im Augenblick der Größte. Nabuzigaretten hätten sie mir auch noch gegeben. "Jedoch was ist ein Glimmstengel gegen eine dicke schwarze Zigarre?"

Und so harrte ich in der Vewa mit den beiden Nobus in unserer widersprüchlichen Erschöpfung beim Kaffeetrinken der Handlungen, die da noch kommen sollten. Nach zehn Minuten Wartezeit fing der Nobu unvermittelt an zu schimpfen: "Wo bleibt denn der Getrapo? Der müßte schon längst hier sein!"

Da nun nichts von einem ankommenden oder abfahrenden Fahrzeug zu hören war, blieben wir weiterhin gemeinsam in der Vewa sitzen. Mein Nobu-Kaffee ging zur Neige. Und bei keinem von uns kam nicht einmal ein einziges Wort aus unseren geschlossenen Mündern.

Unsere gemeinsame Ruhe wurde jedoch unvorhergesehen plötzlich gestört. Denn jählings stürmten zwei Nenobus (= Neue Normalbullen) in unsre Vewa rein und schrieen hektisch auf mich ein: "Mitkommen!" Dabei zog mich einer von jenen noch am Ärmel durch die offene Vewatür nach draußen. "Ist es jetzt aus mit der Freundlichkeit", fragte ich die Nenobus freundlich. Das interessierte jene gar nicht. Sie zogen mich durch die Wabu und stießen mich in eine bereitstehende Getrapo. Wumm, peng, knall. Äußerst unwirsch stießen sie die Blechkistentür hinter mir zu.

Das war aber wirklich ne alte Schrottkarre, diese Getrapo. Ein oller Borgward aus den fünfziger Jahren, außen blau, innen grau, ungepflegt und reichlich angerostet.

Manche Freaks kaufen sich so'n Ding bei ner Bullenversteigerung. Reparieren alles daran und machen ein Wohnmobil daraus, um damit durch die Wüste oder nach Afghanistan zu fahren. So sind sie dann glücklich darin in ihrer Lebensweise.

Da saß ich nun drin in der Getrapo, des nachts mit zwei anderen Typen zusammen, die die Kabus da schon vorher reingepackt hatten. Eine einzige Sechs-Volt-Deckenfunzel beleuchtete uns drei in der grauen Blechöde. Grobschlächtige schmutzige Metallbänke waren am Stahlboden angeschraubt. Wie in der 4. Eisenbahnklasse in den vierziger Jahren. Statt Fenstern nur einige schmale Lüftungsschlitze in den Seitenwänden. Die ließen keinen Durchblick nach draußen zu. Hier drangen vielmehr die Abgase der draußen vor sich hinblubbernden Autos rein. Keine Verbindungstür zum Fahrer. Gefangen in einer dreckigen Blechkiste. Wo wollen die Kabus uns nur hinkarren?

Nichts geschah. Die Funzel brannte vor sich hin und die beiden jüngeren eingefangenen Typen rauchten genüßlich ihre Zigaretten. Was soll ich dazu sagen? Vielleicht sind das hier eingeschleuste Zivis, die für ihren Lohn beim Prozeß noch fantasieren. Und wer tut schon etwas gerne, wenn er den Zeugungsprozeß erfahren hat in seiner Unschuld?

Von draußen her schallte nun durch die Lüftungsschlitze der Getrapo ein unverständliches Stimmengewirr zu uns herein. Die Staatsgewalt stritt sich um das Fahrtziel. Die Fahrertür klappte auf und zu. Jetzt schien die Reise wohl loszugehen.

Der Fahrer startete den Dieselmotor, der aber leider nicht anspringen wollte. Nach mehreren Versuchen schaffte er das nicht, den Getrapo in Bewegung zu setzen. Es klappte nicht. Vielleicht ist die Batterie leer bei Euch? Trotz Zivibedenken lachten wir in der Gefangenenkiste. Einer sagte: "Die können uns jetzt nicht einfahren!"

Als der Getrapo-Dieselmotor nun endlich ansprang, wurden wir langsam in Bewegung gesetzt. Wir kurvten hier und da rum, zuerst wohl um die verzwickte Wabu zu verlassen. Da kannst Du nur die Richtung in Deinem Gehirn feststellen, wenn Du den Kompaß kennst. Der Himmel ist dann immer oben. Die fensterlose Blechkiste mit den Lüftungsschlitzen verwehrt Dir jede Einsicht in die vorbeifahrende Umgebung.

Das war aber wirklich ein verwegener Fahrer. In den Kurven wurden wir nach rechts und links geworfen. Wo geht die Fahrt nur hin? So weit kann der nächste Knast doch gar nicht sein? Hat da nicht mal einer gesungen: "Es fährt ein Zug nach nirgendwo und niemand stellt das Signal von Rot auf Grün!" Diese eingekerkerte Fahrt dauerte nun schon wohl an die zwanzig Minuten, unterbrochen von Anhalten und Weiterfahren, und interrupted von Langsam- und Schnellfahren. Vielleicht bringen uns die in den Grunewald und setzen uns dort sang- und klanglos aus, was mir nach einer bezahlten Zechprellerei in Neukölln auch schon mal passiert worden war. Den Sinn davon hatte ich leider nicht verstanden. Die Fahrt ging immer weiter. Die Haltepunkte waren die Ampeln auf der Strecke, die mal dichter und mal weiter voneinander entfernt standen.

Plötzlich stoppte Der Getrapo-Fahrer wieder und durch die Lüftungsschlitze drang das knarrende Geräusch eines sich öffnenden Tores. Dann rollte der Wagen noch ein Stück. Von außen wurde die Getrapo-Tür aufgerissen und einer von den Typen herausgeholt.

Durch die offene Tür konnte ich erkennen, daß wir uns im Hof des Frauenknastes an der Lehrter Straße befanden. Hier fand schon mal in den siebziger Jahren ne Hausbesetzer-Demo statt, auf der das MDK für die Inhaftierten die Punkmusik darbrachte vom Lastwagen herunter: "Und das Tier, das Tier, das Tier in mir erwacht. Eine ungestüme Kraft, die plötzlich erwacht, die alles erneuert und alles zerstört, ..." So dröhnte der Punk zu den Insassinnen damals rein.

Und nun führten die Nobus hier einen von aus der Getrapo raus, die unser Taxi war. Na, das mußte ja wirklich nen Zivi sein. Ein Typ im Frauenknast, das gab's ja nicht mal im KZ. Keiner von uns sagte was dazu, warum der nun gerade rausgeholt wurde. Die Nobus schlugen die Getrapo-Tür nun wieder kräftig zu mit der äußerlichen Verriegelung und unsere Fahrt nahm ihren Fortgang.

Jedoch währte das Rollen der Räder nicht lange. Wieder knarrten die Tore mit den schlagenden Türen. Und wieder rissen die Nobus unsere Getrapo-Tür weit auf. "Mitkommen!" schrieen sie mich zuerst an und ich folgte ihnen wiederum bereitwillig. Der Neubau hier war mir ein böhmisches Dorf. Nach zehn Metern Betonweges stießen mich die Nobus in einen wohl an die zwei mal zwei Meter großen weißen Raum. Helles Neonlicht. Ein kleines Tischchen stand dort drin und sonst nichts.

Und dann stand da noch ein Typ als Juvobe ( = Justizvollzugsbeamter) drin rum, der mich anherrschte: "Los, ausziehen!" Einfältig fragte ich ihn: "Alles?" "Ja, alles! Aber flott!" schrie der Juvobe mich an und fluchte dabei: "Hört das denn gar nicht hier auf? Immer die Ärsche!" Ich zog mich daraufhin gemächlich aus, weil ich dazu auch die passenden Knöpfe an meiner Kleidung finden mußte. Immerhin ging es doch hier nicht darum, mich für meine Freundin auszuziehen.

Und wieder der Befehlston: " Los schneller! Die Sachen aus den Taschen und auf den Tisch! Los, los, los!"

Oh Schreck und Graus. Meine Korrektorseele entdeckte auf dem kleinen Tischchen ne braune DIN-A-4-Tüte. Da drauf stand "Heinz Schmidt". Die Tüte hatten die Nobus da hingeknallt, als sie mich in diesen Raum stießen. Da machte ich den Juvobe darauf aufmerksam, daß ich das nicht bin. Mein Name sei ein anderer.

Jetzt kam die helle Aufregung in Gang. Klingeln, Türenklappern. Der braune Umschlag wurde hinausbefördert, aber kein neuer kam rein. Wußte ich doch nicht, was "Heinz Schmidt" zur Anklage kriegte. "Nachher komme ich noch wegen Mordversuch dran," dachte ich bei mir oder was sonst noch läuft. Den Schuh wollte ich mir in dieser brenzligen Situation nicht anziehen.

Als ich dann mich meiner Kleidungsstücke entledigt hatte und diese auf dem dreckigen Fußboden zu liegen kamen, lag auch mein Tascheninhalt auf dem Tischchen.

Der Juvobe befand sich in einer wirklich miesen Stimmung. Wieder schrie er mich in meiner Nacktheit an: "Los! Mit dem Gesicht zur Wand! Die Beine breit!" Auch er war nicht mit meiner Beinstellung zufrieden: "Los! Die Beine weiter auseinander!" Sodann riß er mir meine Arschbacken jeweils in die gegenseitigen Richtungen, leuchtete mir mit ner Taschenlampe in mein hinterwärtiges Loch und wühlte mir da ohne Gummihandschuhe mit seinen Fingern drin rum.

Was der wohl außer Scheiße fühlen und sehen wollte? Zum Glück mußte ich nicht furzen. Vielleicht suchte der nach Steinen in meinem Arsch? Oder was soll ich da sonst drin haben als meinen Kot? Sagte ihm freundlich, er solle doch seine Finger aus meinem Arsch nehmen, da ich hier von ihm nicht den Aids haben wollte. "Das geht SIE gar nichts an," brummelte er vor sich hin und herrschte mich dann wieder an: "Los! Anziehen! Nur Socken, Hemd und Hose! Das andere bleibt hier!"

Wieder Türenklappern und Klingeln. Ein grau uniformierter Schließer kam in den Nacktraum und forderte mich äußerst unfreundlich auf: "Mitkommen! Jacke und Schuhe in die Hand nehmen!" Beim Mitkommen mußte ich meine Hose festhalten, weil mir auch mein Gürtel abgenommen worden war, um nicht Laufenderweise mit meiner Hose in Konflikt zu kommen.

Sodann führte mich der graue Schließer einen langen gebohnerten Gang entlang. Rechts reihten sich die numerierten Zellen aneinander und links lagen die Büroräume, durch deren offene Türen ich hektisches Getriebe erkannte. Die Maiwärme trug hier hemdsärmelige Früchte.

Der Schließer nun wieder rüde an mich gewandt: "Stehenbleiben!" Wir standen gemeinsam vor Zelle Sieben. Sein Schlüsselbund klimperte und die Zelle öffnete sich für mich. Erst ne einfache Tür mit nem kleinen Sichtfenster, dann ein Vorraum und dahinter nen großes Gitter wie im Raubtierkäfig mit ner Gittertür drin. Jacke und Schuhe mußte ich im Vorraum bei ner alten dreckigen Wolldecke ablegen.

In der vergitterten Zelle saß schon einer auf der rohen Buchenholzpritsche. Zwei Leuchtstoffröhren erhellten den Raum ständig und ebenso lief ständig eine brummende Klimaanlage. Das Zellenfenster ließ sich nicht öffnen. Eine stickige warme Luft schlug mir entgegen. Der unerreichbare Klimaregler stand auf 27 Grad. Sagte meinem Zellengenossen Guten Tag, obwohl es des nachts war, und daß ich müde sei. Wir einigten uns über die am Boden festmontierte rohe Bretterpritsche. Er legte sich mit angezogenen Beinen ans Fußende und ich ebenso ans Kopfende, um meine Ruhe im Schlaf zu finden.

Dieser Zustand währte jedoch nicht lange. Schlüsselrasseln und Türenklappern schreckten mich auf. Der Schließer wieder grob zu mir: "Mitkommen! Zum Arzt!" Sagte ihm, daß ich meine Schuhe anziehen will, weil ich was gegen Fußpilze habe. "Die Schuhe bleiben da stehen, wo sie stehen!" Also ging ich auf Socken wieder den langen Gang mit den Zellen und Büros entlang. Aufm Flur stand ne hübsche hemdsärmelige Blonde Nobu mit Lederschulterhalfter und ner dicken Knarre drin. Blickte sie erstaunt an. Das war wohl die Schönheitskönigin hier bei der Staatsgewalt, dachte ich bei mir.

"Los! Mitkommen! Hier rein!" nötigte mich mein Schließer abermals. Alsdann befand ich mich in einem kleinen schmuddeligen Raum mit notdürftiger Beleuchtung. Vor mir saß ein Typ im weißen Kittel, der sich als Knastarzt entpuppte. Und hinter mir stand breitbeinig im offenen Türrahmen ein hemdsärmeliger Knabu (= Knastbulle) mit Schulterhalfter, Knarre und grauen Bundeswehrlederhandschuhen. Grimmig blickte er auf mich herab, jederzeit bereit mich kräftig anzupacken, falls ich Widerstand leisten sollte.

Diesen wollte ich ihm aber nicht leisten, sondern nur wissen, was hier los sei. Der Arzt wandte sich nun zu mir, indem er sagte: "Setzen Sie sich bitte auf den Stuhl. Welchen Arm wollen Sie denn?" Antwortete ihm, das müsse er doch wissen, er sei doch der Arzt hier. "Also dann den rechten!" Er wollte mir also mein Blut aus meinem Körper zapfen. Mit ner Fixe zog er mir dann den roten Saft ab, während ich auf den breitbeinigen Knabu im Türrahmen blickte. Fixen sind mir zuwider. Deshalb glotzte mich der Knabu noch grimmiger an.

Als der Blutsauger nun fertig war mit seinem Geschäft legte er mir ein Formular hin: "Bitte unterschreiben sie da!" Sagte ihm jedoch: "Ich unterschreibe nichts!" Er wieder: "Ich brauche nur ne Schriftprobe!" "Was soll ich da schreiben?" "Dann schreiben Sie einfach: Ich bin von der Polizei eingelocht'." Dieses nun schrieb ich auf seine Empfehlung hin in Druckbuchstaben auf die vorgegebene Linie im Formular. Sodann füllte er in meinem Beisein noch etliche andere Fragen in dem Zettel aus, was ich aber aufgrund seiner liederlichen Handschrift nicht entziffern konnte, ohne mir weitere Fragen zu stellen.

Darauf brachte mich der Schließer wieder zurück in die überhitzte Leuchtstoffröhrenzelle Nummer sieben, worin der andere immer noch saß. An Schlafen war nicht zu denken, denn plötzlich stand wieder ein Knabu an der Gittertür und herrschte mich an: "Wann ist ihr Vater geboren?" "Der ist im KZ umgekommen im März 46." "Genaues Todesdatum?!" "Gibt es nich. Das müssen die Russen wissen, denen gehörte das Lager." Er kritzelte nun irgendwas mit Kugelschreiber auf Papier, das er an die Wand hielt zwecks Unterlage. "Wann ist ihre Mutter geboren?" "Die ist auch gestorben. 1943." Und befriedigt zog der Knabu wieder ab.

Ich glaubte, den Knabu schon mal gesehen zu haben bei meiner Verhaftung, war mir dessen aber nicht ganz gewiß. Der hatte so einen irren Blick drauf, daß seine Augen flackerten. Unter Adolf hätte der mich an die Wand gestellt und sofort erschossen, so einen heißen Eindruck machte der auf mich. Nur waren die bei meiner Festnahme alle in mächtiger Kampfverkleidung mit Helmvisieren und jetzt liefen die hier im Oberhemd mit Pistolenschulterhalfter rum. Aber irgendwie hatte ich den Blick in Erinnerung. So was vergißt man nicht. Der wollte mich alle machen. Der schreibt bestimmt nen schönes Protokoll.

In seinem Eifer ließ der Knabu die Sichtfenstertür einen Spalt offenstehen, so daß man etwas von dem hektischen Treiben auf dem Flur und im gegenüberliegenden Büroraum erkennen konnte. Die Eisengittertür war selbstverständlich verriegelt. In dem Büroraum saßen mehrere Knabus an Schreibmaschinen und tippten im Zweifingersuchsystem. Auf dem Flur herrschte ein dauerndes Auf- und Abgehen unruhiger Knabus. Einer von jenen schrie, daß alle wie die Vandalen hausten und viel härter durchgegriffen werden müßte. Und wieder ein anderer Knabu stieß im Vorbeigehen die Tür mit dem Sichtfenster zu, so daß jetzt die Zelle hermetisch nach außen abgeriegelt war. Nun schmorten wir in der Hitze und der stickigen Luft so vor uns hin.

Durch die Türritzen drangen noch Rufe wie "Freilassen!" und "Nicht freilassen!" Von den Nebenzellen drang zwischendurch das Getöse von Zellengittertüren, an denen die Eingefahrenen fürchterlich herumrammelten, weil sie raus wollten. Und wieder erneutes Rufen, Schimpfen und Eisengitterrütteln.

Auf diese Art und Weise mich zu widersetzen, hatte ich keine Lust. Jetzt schlief ich wirklich von der ganzen Anstrengung auf der Holzpritsche am Kopfende ein, wozu mein Miteinsitzer am Fußende auch fähig war. Das Licht brannte dauernd weiter und die heiße Klimaanlage brummte ständig weiter. Draußen war es noch dunkel, was man durch die vergitterte Milchglasscheibe erkennen konnte. Ich träumte im Schlaf nicht mal etwas. Das war ja auch kein Traum hier, sondern ein Apparat, der auf Hochtouren lief.

Ohne Zeitgefühl wachte ich dann irgendwann auf, als mein Knabru (= Knastbruder) hier rausgeholt wurde. Der kam dann auch nicht mehr zurück zu mir in Zelle sieben. Es folgte ein aufgeregtes Getrappel auf dem Knaflu (= Knastflur). Irgendein Knabu schrie, daß hier keiner reinkomme, als es um die Rechtsanwälte der Eingebuchteten ging.

Nun war ich endlich allein mit mir und schlief wieder mit den jetzt flackernden Leuchtstoffröhren und der dauernd brummenden Luftumwälzanlage ein. Jedoch währte mein Schlaf nicht so lange wie ich es wollte, da ich hiervon inzwischen genug geschöpft hatte.

Unverdrossen besah ich mir erst mal die Zelle, in die ich eingelocht worden war: Ich benutzte meine Füße als Meßlatte. An der Schmalseite maß die Zelle sieben aneinandergesetzte Füße und an der Längsseite zehn Füße. Das mußten wohl an die zwei mal drei Meter sein. Die Zellenwände waren bis unter die Decke mit gelben glasierten Kacheln bedeckt, auf denen ein unsagbarer Dreck klebte. Hier hatte wohl noch nie jemand saubergemacht oder den Boden ausgefegt. Bis in Schulterhöhe war der Wandschmutz teilweise abgescheuert, wohl weil sich die hier Inhaftierten zu oft an die Kachelwand gelehnt hatten, um der harten Holzpritsche zu entgehen. Hier und da klebte vertrocknetes Ausgerotztes in schillernden Farben an der Wand. In den Staub der oberen Kachelwand hatten andere Finger hineingeschrieben: Bullenschweine, Alte Fotze, Fotzdreck, Lügner, Sau, ... Sogar ein Galgen war da in den Staub gemalt.

Nicht mal ein Abtritt oder ein Kübel für die niedersten menschlichen Bedürfnisse befand sich hier drin. Nur eine Buchenholzpritsche auf nem Stahlrahmen .

Der Abschluß zur Zellentür hin bestand aus senkrechten Edelstahlrohren in handbreitem Abstand vom Fußboden bis zur Decke, genauso wie am Löwenkäfig im Berliner Zoo, nur daß hier keine Gaffer davorstanden. In die Edelstahlverrohrung hatten die Experten fein säuberlich eine mannshohe Edelstahlrohrtür eingearbeitet zum Verschluß. Die Rohre setzten sich sogar in der Tür fort. Welche Architekten und Handwerker gestalten nur so was? Ob die schon mal hier drin gesessen haben?

Na ja, vor den Edelstahlrohren trieben sich keine Zuschauer rum, denn dort existierte nur ein kleiner Vorraum, etwa 1,20 x 2 Meter im Rechteck. Dort lagen auf dem Betonboden meine Lederjacke, die dreckige Zellenwolldecke und meine Schuhe, die ich gerne getragen hätte wegen dem Dreck hier drin.

In dem Vorraum, der sich durch die erwähnte Sichtfenstertür verschließen ließ, war links an der Wand der unerreichbare Einstellregler für die Klimaanlage angebracht, die eigentlich eine Luftumwälzanlage war. Der Regler hatte Einstellmöglichkeiten von 18 bis 30 Grad Celsius eingraviert. Und mich hatte man auf 28 Grad gesetzt. Eine wahre Pein ohne Luftbefeuchter. Da kriegst Du dann später nen Stickhusten und Nasenbluten von. Und an der rechten Vorraumwand befand sich ein erreichbarer Klingelknopf. "Ob man den betätigen kann?" überlegte ich mir.

Durch die verschlossene und vergitterte Zellen-Milchglaßcheibe stellte ich fest, daß die Sonne schon hoch am Firmament stehen mußte und dies wohl die Mittagszeit sein konnte. Also saß ich jetzt schon mindestens zehn Stunden hier drin, ohne etwas Eßbares noch Trinkbares bekommen zu haben. Und bei so einer trockenen Luft quält Dich nicht der Hunger so sehr, sondern vielmehr der Durst. Der Nikotinentzug machte mir als Zigarrenraucher überhaupt nichts aus.

Also trottete ich wie der Löwe im Zookäfig immer an der Wand entlang im Rechteck rum. Jedoch tat ich dies nicht, weil ich meine Freiheit wiederhaben wollte, denn die gibt es draußen auch nicht. Draußen ist eben der Knast größer, weil die Unterdrücker nicht aussterben. Da hilft auch kein Notstandskomitee. Vielmehr dachte ich zuerst einmal an meine eigenen Bedürfnisse, obwohl ich mir selbst nicht der Nächste sein wollte.

Mutig und entschlossen drückte ich den erreichbaren Klingelknopf durch die Edelstahlverstrebung. Ohne im Besitz einer Uhr zu sein, sagte mir mein Zeitgefühl, daß der Vertreter der Staatsgewalt mindestens zehn Minuten brauchte, um bei mir im Zellenvorraum zu erscheinen. Es war dann ein kleiner grauer Schließer.

Mit ruhiger Stimme machte ich ihm klar, daß ich unbedingt meinen RA (= Rechtsanwalt) sprechen möchte, und zwar per Telefon. Total unfreundlich brabbelte er mich an: "Das Telefon ist besetzt!" Daraufhin verschwand er wieder.

Diese Antwort verzieh ich ihm gerne. Denn welcher Schließer öffnet schon die Zelle, wenn er zu diesem Behufe vom Insassen beauftragt wird, der sich sein Recht verschaffen will?

Somit trottete ich wieder in meiner Zelle umher, um mir Bewegung zu verschaffen und meinen Gedanken einen schnelleren Lauf zu geben. Daran hinderte mich aber wieder mein grauer Schließer. Merkwürdig: Wenn ich ihn haben wollte, kam er nicht. Wollte ich ihn nicht haben, so kam er. Wieder herrschte er mich an: "Mitkommen!" Die hatten hier aber einen geringen Wortschatz: Mitkommen, Stehenbleiben, Ausziehen, darein, ...

Auf Socken machte ich mich mit ihm auf den Weg zur Vernehmung. Ein großer, heller Raum am Ende des Flures. Die frische Luft darin tat mir gut, obwohl das offene vergitterte Fenster nur gesiebte Luft reinließ. Eine ältere Vebu von der Kripo bat mich freundlich: "Setzen Sie doch auf den Stuhl da." Stand ich doch vor ihr in Socken, Unterhemd und Hose, die ich noch festhalten mußte. Sonst wäre sie mir hier heruntergerutscht.

"Sie sind Herr Carl Mai, wohnhaft in Berlin?" "Ja, das bin ich, so wie ich hier stehe!" "Nun erzählen Sie doch mal, wie das so war!"

"Ich spreche nur mit meinem Rechtsanwalt. Ihnen sage ich gar nichts!"

"Wenn Sie was sagen, ist das nur zu ihrem eigenen Vorteil!"

"Solche Vorteile sind mir bekannt! Zehn Stunden sitze ich schon hier drin! Ich sage Ihnen überhaupt nichts!"

"Überlegen Sie sich das noch mal!"

"Das brauch ich mir nicht zu überlegen, weil ich das schon vorher weiß!"

Und wieder fängt die Vebu an zu quengeln: "Das wäre aber besser für Sie, wenn Sie sich dazu äußern!"

"Nein, ich sage nix dazu. Endgültig!"

Nun tippte die Vebu was in ihre Schreibmaschine, wozu sie zweimal den Hebel für den Walzentransport betätigte. Durch den großen Abstand von mir zu ihr war es mir verwehrt festzustellen, was sie zu Papier brachte in ihrem Vebu-Wahn. Per Telefon bestellte sie sich dann einen Schließer, der mich wieder fein säuberlich in meine Zelle einschloß.

Da mich jetzt mein Durst inzwischen so munter im Kopf gemacht hatte, daß ich mir ernsthaft überlegen mußte, wie ich ihn stillen könnte, hing ich nur noch diesem Gedanken nach. Also packte ich meinen Mißstand logisch bei den Hörnern: Wo gibt es hier Wasser? Auf dem Klo! Bis jetzt hast Du diese Einrichtung noch nicht benutzt. Das ist Dein Vorteil! Wie kommst Du dahin? Du drückst die Klingel. Sodann kommt der Schließer und muß Dich aufs Klo bringen. Das muß er machen, weil, hier ist ja kein Abtritt in der Zelle drin. Nur bedenke: Wenn Du aufm Klo zuviel Wasser trinkst, läuft das ganz schnell durch Deinen Körper durch und Du mußt dann pissen. Das hat dann wieder ein Schließerklingeln zur Folge. Der kann dann meckern und sagen: "Sie waren eben auf dem Klo. Jetzt geht das nicht schon wieder. Wenn das alle machen würden!" Wenn Du dann in Deiner Not in die dreckige Zelle pißt, kriegst Du noch nen Ding dran wegen Verunreinigung staatlichen Eigentums, nein, wegen Anrichtung von Schaden an fremden Sachen. So heißt das richtig. Armes Deutschland. Da war Ludwig XIV. besser dran. Der sagte einfach vor 333 Jahren: "L'Etat, c'est moi!" "Der Staat bin ich!" Leider bin ich der nicht.

Also hatte ich meine logischen Gedanken zu Ende gebracht und betätigte durch die Edelstahlgitterrohre hindurch per einfachen Druck mit meinem in diesem Augenblick wichtigsten Finger, es war der Zeigefinger, den Klingelknopf.

Der Schließer kam zwar nicht sofort jedoch bald. Nach dem geplanten Wortwechsel vollzog er das, was ich von ihm wollte. In der Toilette endlich ein Wasserhahn. Kühles Wasser trinkend löschte ich erst mal meinen Durst, wusch mir das Gesicht und die Hände nach dem dreckigen Nachttag und freute mich darob. An diesem Ort war ich selbstverständlich wieder alleine. Der Schließer guckte zwar nicht meinen Bedürfnissen zu, sondern stand wartend auf mich vor der Toilettentür. Das große Klofenster ließ sich weit öffnen. Warme wohlige Frühlingsluft drang durch die Vergitterung zu mir herein mit den schönen Autoabgasen von der vorbeiführenden Straße. Durch den beschränkten Ausblick konnte ich an der Umgebung nicht erkennen, wo ich mich in Berlin befand. Kein Straßenschild war zu sehen. Und aus den gegenüberliegenden Häusern blickte auch niemand heraus, dem ich hätte etwas zurufen können.

Dem Stand der Sonne am wolkenlosen Himmel entnahm ich, daß es etwa die Mittagszeit sein mußte in diesem Neubauknast. Den Toilettenaufenthalt nutzte ich weidlich aus. Mein Schließer drängelte mich auch nicht. Das war ja auch noch schöner gewesen, dann hätte ich eben gerade mit dem Scheißen angefangen. In Notfällen kann man das immer simulieren.

Wieder in meiner Zelle zurück machte ich mir keine Gedanken über einen eventuellen Hunger, denn ich hatte doch das Wasser genossen. Vielmehr störte mich das dauernde Wummern der Luftumwälzanlage, die meine Zelle mittlerweile in eine Brutzelle verwandelt hatte mit dicker stickiger Luft. Die Leuchtstoffröhren flackerten zwar nicht mehr trotz ihrer langen Durchbrenndauer, dafür brummten sie aber wieder unangenehm vor sich hin. Soll das das Ewige Licht sein?

Also mit diesen beiden Mitteln wollten diese Staatsgewalt mich fertig machen: Schlechte Luft und dauerndes Licht. "Das darfst Du nicht zulassen," dachte ich bei mir, "da mußt Du Dich sofort mit anderen Gedanken beschäftigen. Es gibt noch so viel Schönes auf der Welt. Mach Dir die Gedanken frei, dann sind es die richtigen Gedanken!"

Ich für mein Teil dachte nun darüber nach, was die Leute da im Augenblick wohl eigentlich überall machen, denn, wie sollen sie es tuen, wenn sie nicht anders können? Dabei wurde ich so müde, daß ich mich auf einen angenehmen Mittagsschlaf auf der harten Holzlattenpritsche vorbereitete. Übrigens eine empfehlenswerte Schlafstätte. Du schwebst beim Schlafen, weil Du Dich dauernd herumwälzt. Dies begann ich nun langsam zu tun.

Klapp, trapp, ächz, klirr, stöhn, die Pritsche ist so schön. Auweia. Ich riß die Augen auf. Ein Schliebu stand plötzlich vor mir an meinem Lager: "Mitkommen! Zur Erkennungsdienstlichen Behandlung!" Nun fing ich wirklich lautstark an, meinen Unwillen zu äußern: "Verflucht noch mal. Erst laßt ihr mich in der Zelle schmoren und braten und dann zieht ihr mich vor eure Scheißkamera für ein unwürdiges Fahndungsfoto. Das gefällt mir nicht! Da fällt mir noch was zu ein! Ich komme mit dahin!"

Wieder lief ich auf Socken über den Flur mit meiner rutschenden Hose ohne Gürtel, begleitet von meinem Schliebu, damit ich dieses Gebäude nicht flüchtend verlasse. Er öffnete mir eine unvergitterte Tür zu einem großen Raum mit entsprechenden Installationen, die ich noch kennenlernen sollte. Ich sagte dem Schliebu noch in meinem Zorn: "Wer zuerst in die Kneipe geht, muß die Zeche bezahlen!" Deswegen wohl blieb er zurück, denn jetzt sollte ich merken, daß mir eine kräftige Suppe aufgetischt wurde.

In dem Erkrau (= Erkennungsraum) stand ich nun in meiner Schamlosigkeit mit meinem erbärmlichen Outfit vor einer kleinen zivilen Tippse und ihrer Schreibmaschine, die noch nicht mal eine elektrische war. Ihr Gesicht war mit einer wohl fünf Millimeter dicken Make-up-Schicht bedeckt, damit keiner ihre darunter liegenden Pickel erkennen konnte. Und unter ihrem Schreibmaschinentischchen lugte ein kleiner Petticoat hervor. Der Dr. Duden nennt ihn "steifen Taillenunterrock". Neben ihr musterte mich stehend ein Zivi, der, wie sich später herausstellte, der Bufo war (= Bullenfotograf). Somit befanden wir uns zu dritt in dem Erkrau, denn der Schliebu hatte sich verflüchtigt innerhalb des Gebäudes.

Die Tippse spannte bei meinem imposanten Anblick mit spitzen rotlackierten Fingernägeln ein vorgedrucktes Formular in ihre schwere Maschine. Meine Augen, die manchmal durch mein Gehirn um die Ecke blicken können - leider kann man so was nicht im Zirkus zeigen -, erkannten auf dem Formularkopf meinen Namen, nämlich Carl Mai. Darunter war schon eingetragen von fremder Hand der Grund der Erkennungsdienstlichen Behandlung. Und zwar war da zu lesen "Wegen Landfriedensbruch'. "Oho," dachte ich bei mir, "soll ich mein Land in Unfrieden gestürzt haben, in dem ich seit meiner Geburt lebe? Wie kann denn das sein? Das ist bestimmt ein Wirtschaftswunder!"

Nun ging die Tippse mit dem Bufo aber wirklich zur Sache. Sie ließen mir fast keine Ruhepause in ihrem Verlangen. Die dünnen Finger der Tippse lagen zum Angriff auf den Tasten bereit. "Welche Sprache sprechen Sie?" fragte sie mich spitz. "Latein!" antwortete ich ihr. Ohne eine Sprachprobe von mir haben zu wollen und ohne zu merken, daß wir hier deutsch redeten, tippte sie „Latein“ in ihre Maschine ein, da hierfür kein anzukreuzendes Kästchen vorhanden war. In ihrer Einfalt verstand sie kein Latein. "Coito ergo sum," bemerkte ich nur.

"Welche besonderen körperlichen Merkmale haben Sie?" fragte sie mich, als sie die Körpergröße, mein Gewicht und die Farbe meiner Augen abgehakt hatte. "Das weiß ich selber nicht," sagte ich ihr, "ich kann mich hier ja ausziehen, dann können Sie meine besonderen körperlichen Merkmale selber feststellen." Da nun griff der Bufo in die Befragungsaktion ein: "Das brauchen Sie hier nicht zu machen!" Und wieder musterte er mich von oben bis unten: "Da, am Kopf, da haben Sie eine Narbe!" Ich sagte ihm, daß ich das nicht weiß, weil ich selten in den Spiegel sehe. Mein Antlitz interessiert mich nämlich nicht. "Doch, da haben sie eine Narbe!" Und schon fuhr er mit seinem Finger auf einer an der Schrankwand angebrachten Liste entlang und sagte zu der Tippse: "Hundertdreizehn!" Diese Zahl tippte sie dann in die Maschine ein. "Aha, ihr vernummert meine Merkmale", bemerkte ich nur. Wollte sie aber nicht fragen, welche Nummer denn der Pickel auf meinem Schwanz hat oder warum mein linker Zeh am rechten Fuß so groß ist.

Das hatte auch keinen Sinn mehr, denn jetzt befahl mir der Bufo, meine Hände an einem automatischen Wasserhahn zu waschen. "Dort!" zeigte er nur. Schnell hatte ich herausgefunden, daß, wenn ich die Pulle mit der flüssigen Seife vor die Fotozelle stellte, der Wasserhahn dauernd lief. So trieb ich mein lustiges Spielchen mit dem Bufo. Für meine Fingerabdrücke benötigte er nämlich saubere Handlinien. Entweder waren diese noch zu sehr mit Seife behaftet oder zu naß für seine Aktion, so daß ich mehrmals zu dem Wasserhahn laufen mußte mit meiner Hose an der Hand. Jedesmal stellte ich die Seifenflasche vor die Fotozelle, damit das Wasser dauernd lief. Alsdann ging der Bufo dorthin, um die Flasche wieder wegzustellen zur Unterbrechung des Wasserlaufes. In der Zwischenzeit brachte ich ihm dann sein Handwerkszeug in eine andere Ordnung bis er so nervös geworden war, daß er zur Tat schritt:

Dieses bewerkstelligte der Bufo nun auf seine Art und Weise. Zuerst schwärzte er eine Platte mittels einer Rolle mit Druckerschwärze ein. Dabei gab er sich viel Mühe bei der gleichmäßigen Verteilung der Farbe, als wenn es darum ginge, Geldscheine zu drucken. Sodann ergriff er meine Finger einzeln, rollte sie auf der schwarzen Platte ab und darnach auf dem Formular, worauf meine lateinische Sprache festgehalten worden war. Für jeden Finger hatte die Staatsgewalt dort einen Extrakasten eingezeichnet.

Nachdem nun alle meine zehn Finger, die ich bei mir hatte, zum Abdruck gekommen waren, schwärzte mir der Bufo noch die ganzen Handflächen ein für einen totalen Widerdruck auf dem Papier. "Das ist gut," meinte er, "nun waschen Sie sich ihre Hände!" Und das gleiche Spiel begann wie vordem mit der Seifenflasche und dem Wasserhahn, wobei auch noch die Make-up-Tippse eingriff. Die Schwärze ließ sich jedoch kaum von den Händen entfernen, so Indanthren war die staatliche Erkennung.

Nun kam mein Kopf an die Reihe. Der Bufo schritt zu seiner Kamera, befahl mir, mich an eine Wand mit einem Maßstab zu stellen, und blickte durch seinen Kamerasucher, in dem er mich suchte. Hat die Staatsgewalt da keine Festeinstellung? Es ist doch immer die gleiche Prozedur! Jedenfalls kam der Bufo von seinem Sucher nicht mehr los. Seine Beleuchtung zur Aufnahme für mich besaß keine allzu große Helligkeit, so daß hier lange Belichtungszeiten zu erwarten waren. Der Fotoblitz hatte hier noch nicht eingeschlagen.

"Na warte," dachte ich bei mir, "dir werde ich es schon lehren. Du weißt ja gar nicht, wen du aufnimmst. Da kann ich dir noch ins Handwerk pfuschen." Nicht mal eine Sofortbildkamera hatte er dabei, um sein Ergebnis zu kontrollieren. Immer noch blickte er angestrengt durch seinen Sucher und gab mir Anweisungen: "Rechts rum drehen. Stillhalten! Links rum drehen. Stillhalten! Geradeaus blicken. Stillhalten!" Dabei vollzog ich jeweils im entscheidenden Augenblick des Auslösens für das Fahndungsfoto eine blitzschnelle Drehung meines Corpus delicti, was dann eine totale Unschärfe auf dem späteren Foto zur Folge hat. An unscharfen Fotos haben sich schon etliche Künstler begeistert. Vielleicht gehört dieser Bufo zu jener Gattung. Zum Schluß meinte er wieder: "Das ist gut!" Und ein Schliebu brachte mich wieder in meine heiße Zelle. Jedoch vergaß ich nicht, vorher aus Versehen vor der Make-up-Tippse noch meine Hose fallen zu lassen, damit sie einen Blitz in ihr Gehirn reinkriegte beim Anblick meines Arsches. "Mitkommen!" schrie da der Schliebu.

Oh, Du meine Zelle, wenn Du mir frische Luft, Wasser und etwas zum Essen geben würdest, wäre ich Dir dankbar, daß Du mich so schön von der Außenwelt abschirmst. Von diesen Wünschen erfüllte sich leider nur der letzte.

Also wanderte ich in der Zelle sieben umher, stellte mir Rechenaufgaben, schrieb in Gedanken Aufsätze und unterhielt mich mit mir selber auf manch nichtsnutzige Art, um mein Gehirn nicht mit quälenden Fragen und Problemen beschäftigen zu müssen, denn diese zermürben Dich nur, und das wollte ich nicht. Die Zeit verstrich. Der Nachmittag machte sich bemerkbar. Meine Zellenmilchglasscheibe wurde trüber. Der Flur vor meiner Zelle hatte sich auch beruhigt, da die Vebus, Knabus, Bufos, Schliebus und Bübus, das sind die Bürobullen, ihres Tuns müde geworden waren. Die Zeit der Müdigkeit überfiel das System.

In dieser stillen Nachmittagsstunde schlug dann hintennach das Glück auf mich ein. Die Früchte meines Namensausrufes vor der ersten Buwa (= Bullenwanne), die mich eingefahren hatte, kamen urplötzlich zu meiner Verwunderung zum Tragen.

Mein Schliebu riß mich aus meinen nichtsnutzigen Gedanken aus meiner Zelle und führte mich zu einem Rechtsanwalt, der sich meiner in einer luftigen Veze (= Vernehmungszelle) vergewissern wollte. Da muß sich jemand meiner erinnert haben. Wie die Namen doch eine Rolle spielen.

In der Veze übertrug ich dem Rechtsanwalt Heiß, so hieß er wirklich - denn, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß -, mein Anliegen und meine Vollmacht, indem ich ihm den Sachverhalt meiner Verhaltungsverhaftung erklärte und ebenso mein soziales Umfeld mit meinen Kindern, der geschiedenen Frauenbewegung und dem Überfall von den Türken auf mich, wobei noch ein Prozeß am Laufen ist, weil ich mich da gewehrt hatte, und daß ich hier eingebuchtet bin, wo ich gerne zu besseren Bedingungen wieder gerne rauskommen würde. Dafür zeigte er ein großes Verständnis und sprach zu mir als ein Vater, obwohl er der Jüngere von uns beiden war, denn den Vater erkennt man am Kind wie das Wetter am Wind, weil das Vaterunser ist des Rechtsanwalts Zinsgut. Wie soll einer verderben, wenn nichts dazu ausreicht?

Der Rechtsanwalt Heiß zeigte nun ein großes Verständnis für mich, eben weil er sich noch in seiner Laufbahn profilieren wollte und in mir ein Geschäft witterte. Wer macht schon was umsonst?

Ich versprach ihm deshalb den Sold für seine Arbeitsleistung, auch weil er mir an diesem Orte, der Veze, so nahegekommen war, und quittierte ihm das mit meiner Unterschrift für seine Vollmacht. Dafür gab er mir seinen abgerissenen Briefkopf als Visitenkarte, den ich dann getreulich in meiner Hosentasche aufbewahrte. Wie sollte ich ihn sonst wiederfinden in der großen Welt?

Sodann erzählte mir mein Rechtsanwalt Heiß was von einem Haftprüfungstermin, der vielleicht heute abend, jedoch spätestens morgen früh, stattfinden würde in einem anderen Gefängnisorte. Dazu sagte er seine Anwesenheit fest zu, um mich freizupressen. Und auch sagte er, daß ich mit einer Strafe von zwei Jahren auf Bewährung zu rechnen hätte.

"So nehmen die Dinge aber einen angenehmen Lauf. Wer bestraft mich denn nun hier?" fragte ich mich. Der Rechtsanwalt, die Staatsgewalt oder der Richter? Ja, die Gewaltenteilung: Jeder will sein Teil haben. Da bleibt ja keine Unschuld mehr übrig in diesem, unseren Land.

Der freundliche Rechtsanwalt Heiß verabschiedete sich sodann von mir mit seiner Aktentasche, wünschte mir einen guten Ausgang in meinem Dasein und übergab mich dem Schliebu, der mich wiederum getreulich seinen Vorschriften entsprechend in meine Zelle sieben einschloß.

Nun setzte ich mich erst mal auf die Holzpritsche in meiner Zelle, die sich zu einer Sauna entwickelte. Nur hatte ich leider kein Wasser zum Ausschwitzen zur Verfügung. Welch ein Glück, daß Du in der Hölle beim Fegefeuer schwitzen darfst. Mit meinem Willen vereinbarte ich mein Gleichgewicht in meinem körperlichen Haushalt: Ich gab nichts von mir und verlangte auch nicht danach, etwas einnehmen zu wollen.

Im Durst ist gut flüstern, aber nicht gut Fische fangen. So befriedigte ich mich an mir selber, indem ich mit meiner Zunge in meinem Mund herumfuhr, um den Speichel einzufangen und um mich daran zu laben, was mein Eigen ist. Dieses tat ich aber nicht zu oft, sonst hätte ich einen Muskelkater bekommen in meiner eigenen Zunge, und die brauchte ich noch zur Verständigung mit meiner Umwelt.

Der Nachmittag neigte sich nun langsam zur Neige, so daß ich mich in der fröhlichen Hoffnung wiegte, der Staatsapparat hätte sich endlich mit seiner Gewalt auch an mir befriedigt.

Aha, Selbstbefriedigung und Landfriedensbruch. Wie geht denn das? Das geht am besten, wenn beide befriedigt sind.

Das nicht zu öffnende vergitterte Milchdrahtglaszellenfenster zur Außenwelt wurde gegenüber meiner ständig brummenden Leuchtstoffröhrenzellenbeleuchtung immer dunkler. Vereinzelt hörte ich in der Ferne noch das Rammeln an den Zellengittern von den unbefriedigt Einsitzenden. Wie sollten sie es auch anders können, wenn sie in ihrem Gehirn eingesperrt sind. Nehmt Euch doch die Sonnenbrillen zur Hand, damit die Welt noch dunkler wird! Und so dachte ich bei mir in dieser miesen Zelle: "Wo ist meine Klobrille geblieben?" Sogar dieses Relikt der Zivilisation wurde mir hier vorenthalten.

Nun wurde es mir ganz wunderlich zumute. Plötzlich stand ein großer grauer Schließer vor mir - es muß wohl Schichtwechsel bei denen gewesen sein auf der Schließarbeit -, und bat mir aus einer großen Kaffeekanne im Pappbecher lauwarmes Wasser an. Dazu reichte er mir eine Probepackung Bahlsenkekse, deren Verfallsdatum schon zwei Jahre zurücklag.

"Da sage ich aber nicht nein," sagte ich zu ihm, "das ist das erste Angebot nach fünfzehn Stunden ohne diese Gaben, die sie mir jetzt überbringen. Ist das jetzt das Abendmahl? Bei den Pfaffen wird da aber Wein ausgeschenkt!"

"Nein," antwortete er, "bald kommen sie hier raus und werden in die Gothaer Straße verlegt!" Das war mir ein Begriff. Die Gothaer in Schöneberg. Gleich in der Nähe, in der Schwäbischen, hatte doch der Volxmusiker Paul Lincke komponierend gewohnt: "Der Glückswalzer", "Berliner Luft" und "Es war in Schöneberg im Monat Mai ..." Und nu haben wir den schönen Mai.

Draußen hatte mittlerweile die Nacht den Tag besiegt. Meine Milchglasscheibe zur Außenwelt zeigte vollkommene Dunkelheit. Langsam ließ ich noch immer in kleinen Happen die trockenen, überalterten Kekse in meinem Munde zergehen, damit der Hunger keine Macht über mich ergreifen konnte. In unserem christlichen Abendland verhungert doch keiner.

In dieser stillen Abendstunde harrte ich nur noch meines Haftrichters, der mir meine Erlösung bringen sollte aus dieser heißen Isolierungszelle. Darauf brauchte ich auch nicht mehr lange zu warten, denn nun kam mein Schliebu zum letzten Mal mit seinem "Mitkommen!".

Freudig nahm ich meine Jacke und die Schuhe in Empfang. Nur mein Hosengürtel wurde mir immer noch vorenthalten. "Macht nix!" Auf jeden Fall "Es geht voran!".

Durch verschiedene fensterlose Betongänge führte man mich nach draußen an eine Rampe. Die Umgebung war auch hier so gut abgeschirmt, daß ich nicht erkennen konnte, ob ich mich hier in Busendorf, in Kotzen oder in einem Berliner Stadtteil befand. Dort in dem ausbetonierten Innenhof wies mich mein Schliebu an, in eine bereitstehende grüne Getrapo zu steigen.

Im Innengang rechts und links Einzelzellen, schmal wie Minikleiderschränke. In eine von diesen schloß mich der Schliebu umständlich ein. Hatte er Angst vor mir in dem engen Gang?

Eine kleine fahrbare Zelle unter vielen: 70 x 80 Zentimeter im Geviert. Die reinste Ölsardinenbüchse. Zum Glück waren in der Blechwand einige Lüftungsschlitze nach draußen eingelassen. Wieder kein Durchblick nach draußen.

Nach entsprechendem Türenklappern und lustigem Schlüsselbundklingeln setzte sich die Getrapo mit den einsortierten Menschen in den Minizellen in Bewegung. Die Fahrt durch das Straßenlabyrinth schwenkte den Wagen mal in diese oder in jene Richtung. Im Kreisverkehr drückte mich die Fliehkraft fast ganz an die Blechwand. Wie aufm Rummelplatz. Durch die Lüftungsschlitze drangen von draußen die Abgase der Getrapo und des mitlaufenden Verkehrs ganz kräftig nach drinnen zu mir fein säuberlich herein. "Das ist ja schon fast ne Vegawa (= Vergasungswanne)," übelte es mir in meinem Kopf. Das hielt dann so eine dreiviertel Stunde an, bis wir am avisierten Ziele waren, dem Knast in der Gothaer Straße.

Hier bestaunte ich einen uralten Innenhof ohne jegliche Fluchtmöglichkeit. Wozu sollte ich auch flüchten? Hatte ich mir doch nichts zu Schulden kommen lassen. "Mein Herz ist klein, mein Herz rein. Da kommt Euer Wille nicht rein!"

Nun drängten mich mehrere Schliebus in eine Gebäudeschleuse. Erst wenn eine Tür hinter Dir abgeschlossen ist, wird die nächste geöffnet. Wie bei den Schiffsschleusen, den Bakterienschleusen oder den Geldautomatenschleusen.

"Komm ich jetzt hier in die nächste Isolierstation?" fragte ich den Ufo (= Uniformierter). Ohne mit der Wimper zu zucken, schrie mich ein äußerst unlustiger Ubu (= Untersuchungsbulle) an: "Hose runter und die Arschbacken weit auseinander!" Angriffslustig stand der Ubo mit ausgestrecktem Mittelfinger neben mir. "Halt!" erwiderte ich ihm jetzt auch gereizt: "Das mache ich nicht mehr mit hier. Ich laß mir nicht mehr vom Staat in meinem Arsch rumpopeln! Dazu sind mir meine Hämorrhoiden zu schade! Die fangen bei Eurer Fummelei nur an zu bluten! Mein Blut ist mir zuwider!"

Umständlich zog sich der Ubu ob meiner Bemerkungen durchsichtige PVC-Handschuhe an, um mir in mein hinterwärtiges Loch zu greifen. Ich ließ ihn zielen und entzog mich dann blitzschnell seinem Verlangen. Sein Griff ging in die Luft. "Still halten!" knurrte er, verdutzt über seine eigene willenskräftige Verlangsamung seiner Sinne. Während seines erneuten Angriffes auf mich donnerte es an der Schleusenzellentür ganz kräftig. Da merkte ich, daß der Ubu in den Streß kam, weil er noch andere befummeln mußte, die mit den Schliebus vor der vergitterten Türschleuse standen.

So ließ er von mir ab, weil er meinte, er hätte einen halbwegs vernünftigen Menschen vor sich. Hatte ich ihm doch nicht mal angeboten, ihm in seinem Arschloch rumzufingern. Er stieß mir eine Tür auf, deren Öffnung nur in seiner Macht stand und brüllte: "Weitergehen!"

"Endlich mal nicht mehr das ewige 'Mitkommen!' . Hier ist der Wortschatz schon umfangreicher. Es geht voran!"

Es ging zwar jetzt voran, nur leider vorerst mal bergab: Ganz allein fand ich mich auf einem Treppenabsatz wieder. Die Stufen führten nur noch nach unten, was meine Füße in den Schuhen befolgten. Ganz allein stand ich vor einer Gittertür. Wieder wie im Löwenkäfig. Eine graue Schliebu öffnete mir zu einem kleinen Vorraum.

Mein wörtliches Vermögen reichte nicht aus, um diese Schliebu in ihrem grauen, häßlichen, engen Trevira-Knierock mit der Perlonstrumpfhose und den schwarzen Halbschuhen mit anarchistischem Blockabsatz zu beschreiben. Kannte ich doch Bilder von KZ-Dominanten, deren Lust in der Gewalt bestand, obwohl sie erst im ersten Drittel ihres Lebens standen. "Vielleicht sind Sie auch dazu erzogen worden", entschuldigte ich die Schliebu.

Wiederum stand mir eine Gittertür zum kurzpflichtigen Durchschlupf offen in den nächsten wievielten Vorraum zur Freiheit? Darin stand nun die Schliebu mit mir und einem anderen männlichen Schliebu. Beide hatten sich zu ihrer Lust oder ihrem Vergnügen in einem angrenzenden Kleinstkäfig eine junge Punkerin mit Superminirock eingeschlossen. Diese saß dort mit gespreizten Beinen auf einem Tisch, sich der Staatsgewalt und den Schliebus anbietend. Ihre langen Laufmaschen führten genau in ihre Muschi rein. Sie bot sich der Staatsgewalt an. Nur ist das eine Samariterarbeit für eine verlorene Sache, weil bei den Beamten das "B" so dicht am "Te" steht. Und meistens haben sie dann auch noch einen im "Te"!

"Eine Peepshow für Uniformträger. Wer ist geil auf wen?" kam es mir in die Sinne. Nur, die Sinne haben mit der Sinnlichkeit nichts zu tun, weil sie immer untereinander verquer laufen!

In dieser spannungsgeladenen Luft überbot sich der Schliebu mit der Schliebu in ihrer Freundlichkeit: "Gehen Sie doch bitte weiter da rein." Und wieder schloß sich eine Gittertür hinter mir schließend zu.

Nun war ich endlich frohen Mutes, denn ich stand in einem vergitterten Flur unter mehreren jungen Menschen, deren Zahl wohl an die zwanzig reichte. Alle hatte die Staatsgewalt beim Revolutionären 1. Mai in Kreuzberg eingefahren. Nur deutsche Jungs. Der Arbeiterfeiertag hatte hier seine Internationalität aber kräftig eingebüßt.

Einer stand da sogar im Nachthemd rum. Ihn hatten die Kabus beim Telefonieren aus ner Telefonzelle raus eingefahren. Bei der Wärme eigentlich eine angenehme Kleidung.

Allerdings herrschte hier keine frohe Stimmung. Man war niedergedrückt. Saßen wir alle doch mehr als zwanzig Stunden bei der Staatsgewalt im Knast. Und so manch einer von ihnen machte sich auf was gefaßt. Waren doch einige schon vorbestraft wegen Erschleichung öffentlicher Beförderungsleistungen, das heißt im Volxmund "Schwarzfahren", oder wegen Genußmittelentwendung in Kaufhäusern. Da sagt das Volk dann "Mundraub" zu. Da sieht's dann schlecht aus mit der Haftverschonung. Die Kette der Kriminilasierung erhält ihre Glieder bei den kleinen Leuten.

Die meisten Unterhaltungen drehten sich in diesem Zellenflur mit zwei offenen Zellen in erster Linie um Essen, Trinken und Rauchen. Ein freundlicher Schliebu reichte uns sogar zwei Zigaretten durch die Eisengitter, die hier keine Edelstahlrohre mehr waren. Im Altbau lassen sie die Gitter rosten. Eigentlich heißt es ja auch, da ist ein Gitterrost!

In dem Gitterfrost saßen wir nun einhellig zusammen und rauchten das reihum, was der Juvobe uns durchs Gitter reichte. Jeder versuchte, einen Zug abzukriegen, was dann auch bewerkstelligt wurde, weil wir hier gemeinsam von der Staatsmacht unterdrückt wurden.

Oh, Du schöner Druck von der obersten Gewalt! Solange Du noch bestehst, können wir die Witze über Dich reißen. Und wenn Du nicht mehr da wärest, wären wir witzlos. Bitte, laß das nicht eintreten! Denn: Es kommt viel Witz in eines kleinen Menschen Beutel. Jaja, wo man rumwitzet, gehet hinzu. Wo man Macht zählt, gehet hinweg!

Also saßen wir da rum in dem Sammelzellenflur. Die Zeit verging am späten Abend. Manch einer von uns wurde herausgeholt und zu einer unbekannten Stelle geführt. Die Herausgeführten kamen auch nicht mehr wieder.

Der harte Kern blieb übrig, auf besondere Art und Weise ausgesondert. Zum Schluß waren wir nur noch Neune. Das Nachthemd hatten sie auch schon rausgeholt von uns.

Ja, zehn kleine Menschelein, die waren auf der Walz. Einer wurde rausgeführt, der Rest saß auf der Balz.

Nun kam es so weit, daß wir zu Neunt von einem freundlichen Schliebu in den ersten Stock vom Knast gebeten wurden. Bereitwillig gingen wir mit, weil wir alle an eine Veränderung glaubten. Nichts wie raus hier, war unser aller Gedanke. Jedoch wurde daraus vorerst nichts. Der freundliche Schliebu schloß uns dort oben im ersten Stock gemeinsam wieder in eine große Gitterzelle ein. Der große Tisch darin mit den Bänken ringsum ließ uns auf was Gutes hoffen.

Und tatsächlich: Ein Juvobe reichte uns wenig später eine große Anderthalbliter-Kanne mit lauwarmen gezuckertem Pfefferminztee durch die Gitterstäbe. Ein zweiter Juvobe schob seine Arme ebenfalls durch das Gitter mit den Tassen für uns. Solche Tassen werden einem auch in dem miesesten Bahnhofswartesaal zum Kaffeetrinken hingestellt. Sodann folgte das Scheibenbrot in Plastiktüten eingeschweißt, die Schmierkäseecken und die Jagdwurst vom Aldistandard. Alles mit längst abgelaufenem Verbrauchsdatum. Sogar die Streichinstrumente in Form von Messern mit runden Spitzen fanden den Weg zu uns. Das sind ja doch eigentlich Waffen?

Freudig schmierte sich damit ein jeder seine Stulle oder auch zwei auf dem rohen Holztisch mit der ranzigen Butter. Wegen unseres großen Durstes nach der langen Trockenheit in den Einzelzellen bekamen wir noch zwei Kannen Tee als Nachschlag, was uns erst mal sehr gut tat.

Die Zeit rann wieder dahin und nichts geschah. Auf jeden Fall ließ es sich hier besser aushalten: keine wummernde und dröhnende Luftumwälzanlage, keine Einzelisolation.

Doch, nach und nach kam wieder Bewegung in den Vollzugsapparat. In bestimmt gewählten Zeitabständen führte ein Schliebu einen von uns der Reihenfolge des Alphabets entsprechend hinaus. Das Resthäuflein schmolz etwa im 20-Minuten-Abstand langsam dahin und keiner von den Unseren kam wieder.

Alsbald war dann auch der Buchstabe "M" dran und somit die Reihe an mir, dem Carl Mai. Mein getreuer Schliebu lotste mich durch Gänge, Flure, verschlossene Gittertüren und über Treppen in einen großen dunklen, mit Glühbirnen erhellten Raum.

Obzwar mich hier noch mal ein Ubu vorher untersuchen wollte, konnte ich sein Unterfangen noch mit freundlichem Zureden unterbinden. Was hatte ich schon bei mir, außer mir selbst? Das konnte ich ihm einleuchtenderweise klar machen, so daß er von mir abließ. "Es muß auch noch verständige Menschen geben," dachte ich bei mir, "der Kontrollen sind genug. Womit seid ihr Beamten denn bestraft?"

Der große Raum der mich nun umgab, war besetzt von dem Hari (= Haftrichter), der Justia (= Justizangestellte), dem Staatsanwalt und meinem Rechtsanwalt. Sie saßen an ihren entsprechenden Plätzen, wie es sich gehörte in einer gehörigen Entfernung untereinander. Ich hatte für mein Teil den Eindruck, daß alle Rechtsverdreher hier in großer Anspannung auf mich warteten, wohl weil ihnen der Abend zu spät geworden war und sie hier schnell reinen Tisch machen wollten, um schnell nach Hause zu kommen zu ihren anderen Gelüsten.

Den reinen Tisch deckten sie nun zu meinem Erstaunen mit dem merkwürdigsten Porzellan. Nach kurzen Fragen des Haris, ob ich derjenige sei, der ich war, tippte die Justia heftig was in ihre Maschine auf ein rotes Blatt Papier.

Sodann las mir mein Hari eine haarsträubende vorbereitete Anklage vor, ohne mir eine Frage zu stellen. Schnell dahinnuschelnd verkündete er mir vom Blatt ablesend:

"HAFTBEFEHL! Gegen den Carl Mai, geboren am 24. September 1942 in Finsterwalde, wohnhaft Sonnenallee 42, 1000 Berlin 44, wird die Untersuchungshaft angeordnet. Er wird beschuldigt, in Berlin am 2. Mai 1988 gegen 1.23 Uhr einen Amtsträger, der zur Vollstreckung von Gesetzen und Verfügungen berufen ist, bei der Vornahme einer solchen Diensthandlung mit Gewalt Widerstand geleistet zu haben, und zwar in einem besonders schweren Fall, da er eine Waffe bei sich führte, um diese bei der Tat zu verwenden. Im Anschluß an ein Straßenfest in Berlin-Kreuzberg, Lausitzer Platz, kam es nach 20.00 Uhr im Bereich der Adalbertstraße, Heinrichplatz, Manteuffel- und Waldemarstraße zu einer Ansammlung von ca. 300 Personen, aus deren Mitte - in wechselnden Gruppen - mit vereinten Kräften Schaufenster eingeworfen oder eingeschlagen, Barrikaden errichtet, Brände gelegt, Polizeibeamte mit Serien von Steinwürfen und Molotowcocktails angegriffen wurden und versucht wurde, Geschäfte zu plündern. / Der Beschuldigte beteiligte sich an den Ausschreitungen der vorgenannten Menschenmenge in der Weise, daß er in Höhe des Hauses Oranienstr. 3 einen Kleinpflasterstein gezielt auf einen Gruppenkraftwagen der Polizei warf, der zur Unterstützung von Polizeibeamten die Oranienstr. befuhr und in diesem Augenblick vor der Oranienstr. 3 wendete. / Vergehen. strafbar nach §§ 113 Abs. 1, Abs. 2 Nr. 1 StGB. / Der Beschuldigte ist der ihm zur Last gelegten Tat aufgrund der Angaben der Zeugen A. und B., sowie des übrigen Ergebnisses der Ermittlungen dringend verdächtigt. Es besteht der Haftgrund der Fluchtgefahr, mit einer erheblichen Fluchtanreiz bietenden Strafe zu rechnen hat (§ 112 Abs. 2 Ziff. 2 StPO).

"Huch. Das ist ja besser als ein Tischlein-Deck-Dich! Da wird sich aber der Wirt freuen!"

Ein kleiner Vorteil wurde mir noch verschafft, indem auf Verlangen des Staatsanwaltes der letzte vorbereitete Satz in meinem Haftbefehl durchgeixt und zur Ungültigkeit erklärt wurde. Der war so formuliert:

"Übrigens ist der Beschuldigte beschäftigungslos, soziale Bindungen sind nicht festzustellen."

Dabei hatte ich der Gewaltenteilung vorher mitgeteilt, daß ich arbeitslos sei und von meiner Familie geschieden worden sei mit den beiden Söhnen.

Das ist aber ein Entgegenkommen, daß mir das augrund meines Alters nicht anerkannt wird. Irgendwann denken die auch an ihre Rentenansprüche, die von der Jugend herbeigeschafft werden müssen.

Wer arbeitet für wen? Wer arbeitet Hand in Hand? Wer schiebt es dem anderen zu? Wer geht überkreuz mit dem, was ihn bedrängt? Wer schafft die Lust in der Unlust?

Jedoch erhoben die Mächtigen von der Gesetzesseite nur insofern ihren Finger, indem sie mir aufbrummten, daß ich mich zur Verschonung des Haftbefehls zweimal wöchentlich bei meinem Polizeirevier zu melden hätte, und zwar dienstags und freitags von Null bis Vierundzwanzig Uhr.

So war mein Fall nach zwanzig Minuten zum Ende gekommen. Der Richter wies mir den Weg in die begrenzte Freiheit und mein pflichtbewußter Schliebu führte mich wieder in den Zellentrakt zurück.

Dort angekommen, mußte ich nicht noch mal die Bekanntschaft mit einer Zelle machen. Dafür übergab mir ein Knabu gegen Unterschrift meine Sachen zurück, die der Ubu mir in der Nacht zuvor abgenommen hatte. Freudig konnte ich wieder meinen Gürtel durch die schlotternde Hose ziehen, so daß ich wieder einen Halt beim Gehen hatte. An meiner Geldbörse war ich nicht so sehr interessiert, weil da sowieso nix drin war.

Sodann leitete mich der Knabu durch unendlich viele Gänge, Gitter und Türen zu einem großen alten wilhelminischem Ausgangsportal, wovor ich mich dann im Dunkeln endlich der sogenannten Freiheit befand.

Hier erwartete mich schon mein Rechtsanwalt Heiß und übergab mir noch zum Abschied die Durchschläge von dem roten Haftbefehl mit der Meldeauflage.

Ohne Geld, abgerissen und müde mußte ich schwarz mit der U-Bahn nach Hause fahren. Mit einem fürchterlichen Druck in den Ohren, Nasenbluten und einem gräßlichen Stickhusten legte ich mich sodann in mein Bett und rief den Schlaf herbei.

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