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Dietmar Kirves: Wie es weiterging suchen + finden im NO!art-Archiv

900819. KAPITEL:

Maien sieht, wie die Untergangsgeschichte im Müll immer weiter davonläuft.
Dabei entdeckt er ein sich abwickelndes Rationalisierungszentrum im Abfall.

Manuskript aus: Carl Mai, Wie es weiter ging, Berlin 1941-92

Fensterausblick | Foto: D. KirvesSeit 43 Tagen haben die Oberen die Währungsunion mit dem 1. demokratischen Arbeiter- und Bauernstaat abgeschlossen und durchgeführt mit allen Devisengeschäften. Rubel für Transferrubel. DeMark für TransferMark mit Kontoschiebereien in Millionenhöhen. Das war am 1. Juli. Und in 45 Tagen, am 3. Oktober machen die Oberen mit den Unteren die Wiedervereinigung mit den Beitrittsgebieten vom Arbeiter- und Bauernstaat. Oh, einig Vaterland, wie grob wirst Du?

Da scheint die Sonne dann noch heller über der heimlichen Hauptstadt mit den Mauerlöchern und den Mauerspechten. Die Staatssymbole werden schon auf der Straße verhökert, für deren Anzweiflung so manch einer in den Knast kam. "Die letzten Abzeichen von der letzten Partei," rufen die Händler da aus.

Was hat Erich nicht alles gesagt: "... daß die DDR ein politisch stabiler sozialistischer Staat ist, der ein dynamisches Wirtschaftssystem, ein modernes Bildungswesen besitzt und in dem Wissenschaften und Künste gedeihen, ein Staat, der die Rechte und Freiheiten seiner Bürger verwirklicht und zuverlässig schützt ..."

Und nun haben wir das Desaster mit dem Übergabetheater. Was Du nicht willst, will ich nicht haben; nu laß uns dran gemeinsam laben. Aber vorher schmeißen wir den Dreck noch weg, es hat doch keinen Zweck.

Berlin-Mitte. Neustädtische Kirchstraße. Hinter der amerikanischen Botschaft mit der Volkspolizei davor. Das Sternenbanner flattert müde im Winde. Neben der Buchhandlung für amtliche Dokumente aus dem Staatsverlag der DDR das Rationalisierungs- und Forschungszentrum für Gaststätten, Hotels und Gemeinschaftsverpflegung. Ein grauer Altbau von der Jahrhundertwende. An der Hauswand eine riesige abblätternde Reklame "Margona, prickelnd, frisch". Zwei überquellende fahrbare Müllcontainer. Davor eine Schranke wie an Bahnübergängen.

Da sind in dem Müll noch nicht mal die Fliegen drin, aber dafür ist da was andres in den Müll geflogen: Eine Schreibtischablagenschale aus braunem Bakelit mit Einprägung auf der Rückseite "Germalith 248", 21x12 cm groß; dazu 12 unangespitzte schwarze Bleistifte in verschiedenfarbiger Lackierung mit einem blauen Plastikanspitzer; zwei Stempelkissen, schwarz getränkt in Originalverpackung, das Stück zum EVP (= Einheitlicher Verkaufspreis) von 1,90 M; ein Plastiklineal vom "Bürobedarf Olbernhau" mit Haltegriff und einem Holzlineal "Kubena", beide jeweils 30 cm lang; ein grüner funktionsfähiger Metallocher, Marke "Cromefa"; verschiedene Stempel, davon einer mit der Prägung "ZKD".

Das weggeworfene Büro wird immer unheimlicher: Büroklammern und Kartenreiter in jeder Größe und Menge zu 50 Stück sortiert; Ost-Tesafilmrollen mit Halter zum EVP von 1,- M; Karteiregister von "A" bis "Z"; Schreibmaschinenbänder in schwarz und rot, originalverpackt; Stempelfarbe ohne Öl für Gummistempel; Büroklebstoff in Flaschen vom VEB Robotron, Werk Bürochemie; diverse Schachteln Multi-Vitaminpräparate "Summavit forte", Nicht mehr als ein Dragee pro Tag einnehmen!, Kühl und trocken aufbewahren!, die stinken noch, wenn sie in Plastik eingeschweißt sind; Zimmernummern 16 und 17 auf Plastikkarten; Anfeuchter für Briefmarken mit sattgrünem Schaumgummi; Klemmschienen in Plastik noch und noch mit einem Karteikasten aus grauer Pappe.

Und dann das ganze Briefpapier mit Formularen und Verträgen: Vom Ministerrat der DDR, Ministerium für Handel und Versorgung; vom Direktor des Rationalisierungs- und Forschungszentrums in verschiedenen Größen; Briefbogen mit Aufdruck "Intern"; Vordrucke für Wirtschaftsverträge; Aktenregistrierverzeichnisse; alphabetische Register mit Ordnerzwischenblättern; Unmengen an Kohlepapier; Hektographen-Schreibsätze gleich kartonweise; Formulare für Reisekostenabrechnungen; Umlaufzettel zwecks "Rücksprache, Kenntnisnahme, Erledigung, Stellungnahme, Unterschrift, Entscheidung, Verbleib, Rückgabe, Weitergabe an, Diese Anlage ist innerhalb von 2 Tagen an die nächste Abteilung weiterzugeben."; hunderte von leeren Karteikarten mit Lineatur; verschiedene unbenutzte Briefumschläge, einige davon voradressiert an die Außenstelle Leipzig in der Erich-Kästner-Straße; Münzeinrollpapiere für 20-, 10-und 5-Pfennigstücke, immer 'Bei Erhalt zählen und prüfen'.

Und dann die ganzen Ablagemittel für das zu ordnende Material: Leere und zerrissene Aktenordner ohne Inhalt; Klemm-Mappen; Aktendeckel; Sichthüllen; Arbeitsmappen; Schnellhefter; Sammelmappen; Unterschriftenmappen; usw.

Und dann die Hefte, Blöcke und Kladden: Posteingangsbücher, ZKD-Ein- und Ausgangsbücher mit numerierten Seiten ohne Eintragungen, Arbeitsbücher und Aufzeichnungshefte, benutzte Seiten sind herausgerissen, jedoch wurde in den vorgedruckten Vernichtungslisten nichts eingetragen, Einschreibbücher, unbeschriebene Stenogrammblöcke und eine Kladde mit der Bezeichnung "Mängelbuch", darin ist die erste Seite handschriftlich beschrieben mit den Rubriken "Datum", "gemeldeter Schaden" und "behoben". Hier sind nur drei gemeldete Schäden eingetragen, und zwar am 8.7.85 "Steckdose in Zimmer 34", am 15.7.85 "Türklinke Zimmer 34" und am 16.7.85 "Sessel Verwaltung und Radio". Unter der Rubrik "behoben" wurde dazu nichts vermerkt.

Und dazwischen Aktenmaterial, das beim Wegwerfen nicht zerrissen wurde: Klemm-Mappe "Übersicht zum Gaststättennetz der DDR, Stand 1987, Berlin November 1988" mit hektographierten Tabellen zu den Objekten, genutzten Plätzen, Kapazitätskennziffern und Umsätzen; Schnellhefter mit 59 Originalschreibmaschinenseiten "Objektuntersuchung Parkhotel Leipzig, Belegarbeit, Erarbeitung von Vorschlägen für das tägliche Angebotssortiment an Speisen bei einer Speisengaststätte der 2. Kategorie mit dem Ziel der Erreichung progressiver Richtwerte in der Arbeitsproduktivität", neben dem Titel hat jemand handschriftlich vermerkt und unterstrichen in rot "Kategorie 1"; ein Schnellhefter mit 50 Schreibmaschinenseiten "Objektuntersuchung Gaststätte 'Stadt Dresden'", beide von 1982; ein Schnellhefter mit 50 handschriftlichen Seiten "Ergänzungen und Nacharbeiten zu den Objektuntersuchungen"; Schnellhefter mit 51 fotokopierten Seiten "Gastronomische Versorgung auf Freiflächen, Berlin 1987" mit der Vorbemerkung "Mit den Beschlüssen des XI. Parteitages der SED wurde die Aufgabe gestellt, '... der systematischen Verbesserung der Leistungen und der Erhöhung des Niveaus der Gaststätten ...'zunehmendes Gewicht beizumessen."; Klemm-Mappe mit hektographierten Blättern "Unterhaltung in den Gaststätten der Friedrichstraße, Berlin 1986, Nur für den Dienstgebrauch", hier wird jede Lokalität einzeln ausführlich besprochen; hektographierte Mappe "Kurzanalyse des öffentlichen Gaststättennetzes der Hauptstadt der DDR, Berlin 1989, Büro für Handelsnetzplanung" mit Tabellen zu Umsatz, Entwicklung usw.; Mappe mit 60 losen Blättern zu "Niveaukontrollen in Gaststätten, Empfehlungen, Eigenkontrollen, Kontrollisten" vom Informations- und Schulungskabinett "Gaststättenkultur", Beispiele aus den Kontrollisten: "Ist das Raumklima angenehm?, Sind die Tische in einwandfreiem Zustand?, Sind Gläser, Bestecke und Geschirr unbeschädigt?, Wurden Sie beim Betreten des Restaurants begrüßt?, Erschien die Zeit bis zur Aufnahme der Bestellung angemessen? usw."; Mappe mit übersetzten Pressenotizen aus russischen Zeitungen zu Themen wie "Unsere Schulden / Auslandsreise - ein teurer Spaß / Wer schuldig ist, soll zahlen / Verkostung für den Minister / Der Familienomnibus blieb am Start stehen / Im Dunkel der Nacht / Mittagsmahlzeit für Bauarbeiter / Fremdes Geld / Wer hat im Kaufhaus das Sagen? / Wohin mit dem Ministerium / Nüchterne Statistik des Alkoholismus / Kampfansage der Verantwortungslosigkeit" usw., alle Artikel sind echte Schreibmaschinenseiten, getippt 1987/88; dann ein Schnellhefter mit Architektenzeichnungen zur "Terassenüberdachung des Wohnhauses R. Gunke, Phöben", da hat sich einer von den Bonzen unter der Hand was anfertigen lassen; und eine Liste "Sprechzeiten der Betriebspoliklinik des sozialistischen Handels, Kaufhaus am Alexanderplatz, 5. Geschoß (4. Etage), Eingang an der Weltzeituhr, Treppe oder Fahrstuhl".

An Büchern wurden nur drei Exemplare gefunden: "Grundzüge der Lebensmittelchemie", 612 Seiten in Leinen gebunden, mit Stempeleindruck "VEB Elfe, Werkbücherei, Schont die Bücher!" von 1969, mit eingeklebtem Zettel "Dieses Buch ist zurückzugeben bis zum: ...", hier befindet sich keine Eintragung; dann: "Wissensspeicher Chemie, das Wichtigste bis zum Abitur in Stichworten und Übersichten" von Klaus Sommer, 256 Seiten, Volk und Wissen, Berlin 1966 und "Kleine Enzyklopädie Technik", Nachschlagewerk mit 868 Seiten, Leipzig 1963.

Und zum Schluß diverse Sachen, deren Gebrauch der Wende zum Opfer fiel: Ein Großküchen-Planer mit verschiedenen Einstellscheiben für Hotel- und Gaststättenküchen, Krankenhausküchen, Mannschafts- und Kasino-Küchen für bis zu 1200 Tischteilnehmer von Ernst Haas & Sohn, Herborn, Dillkreis, wahrscheinlich von 1959; eine runde Nahrungsmittel-Tabelle mit Schieber für Kalorien, Hauptnährstoffe, Wasser, Vitamine und Calcium vom Johann Ambrosius Barth Verlag, Leipzig; ein intaktes Thermometer, 40cm lang mit einem Meßbereich von 0 bis 400°C in einer Pappröhre; sowie zwei angebrannte dicke Kerzen, jeweils 35 Zentimeter lang.

So lösen sich denn die Verwaltungen auf, weil sie was besseres erwarten. Die Sachen lassen sich eben schneller wegwerfen, obwohl noch alles in den Köpfen drin ist.

Erst werden die Sachen entlassen, dann werden die Menschen entlassen. Gut, daß es noch Mülltonnen gibt. Da rast dann die Geschichte dahin. Das löst dann die Entsorgung mit der Endsorgung.

Im Museum der Vergänglichkeiten gestapelt machen sich die Forscher später Gedanken um den Erhalt der Sachen. Die Laugen kämpfen dann mit den Säuren in den Papieren. Die Halbwertzeiten können wir jetzt schon bestimmen.

Wie soll das rationalisiert werden in den Mülltonnen? Da machen sich dann die Oberen Gedanken und wollen damit die alten unrentablen Bergwerke vollstopfen. Das schafft so wieder Arbeitsplätze und allen geht es gut und besser wegen der Beruhigung des Gewissens.

Wann werden die neuen Sachen wieder weggeworfen? Wann wird das Alte wieder Neu? Wo stehen die nächsten Mülltonnen? Wie weit ist es bis zur nächsten Wende?

© http://kirves.no-art.info/de/texte/wie_es_weiterging/1990-08-19_muell-bericht.html