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KUNST FÜR JEDEN IM WARENHAUS
Multiplemarkt mit Künstlern aus der akuellen Kunstszene

KAUFHOF AM WEHRHAHN | Düsseldorf | 4. Dezember 1969 bis 15. Juni 1970

INFO Plot +++ Katalog +++ Beteiligte Künstler +++ Vorwort +++ Rheinische Post +++ Düsseldorfer Nachrichten +++ Neue Rhein Zeitung +++ Die Zeit +++ Fernsehen 1. Programm +++ Frankfurter Allgemeine Zeitung +++ Die Zeit +++ Exposé

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PLOT: Undercover als Werbekontakter bei einem Kaufhauskonzern eingestiegen, um eine Galerie im Warenhaus zu realisieren für die Verbreitung kritischer Kunst im öffentlichen kommerziellen Bereich. Das Warenhaus beherbergt viele StreunerInnen und Fluktuanten mit verschiedenen Konsumambitionen. Erfolg für meine Idee im Kaufhof in Düsseldorf gehabt: Wohlhabende, Vips, Presse und TV waren da, weil grosser Steuerzahler [KAUFHOF] dahinter steckte. Umsatz pro Quadratmeter war den Direktoren nach einem halben Jahr zu gering. Ein Wohlhabender kauft nicht billig und ein Armer nur Konsum. Deshalb Abschaltung am 15. Juni 1970. Wozu die Kunst? Kunst kann man nicht essen, trinken und rauchen, vielleicht als Bild an der Wand gebrauchen, weil die Architekten in unseren Wohnungen die Fenster in ihrem Sinne platziert haben und nicht für unsere Sinne. Deshalb hängen wir Bilder an unsere Wände: den röhrenden Hirsch, die Mona Lisa, die Fototapete, den Monitor ...

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KATALOG

Katalog Multiple Markt, 1969
KATALOG | 24 Seiten | 29 s/w Abbildungen | 20,7 x 21,3 cm | 5000 Exemplare

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Beteiligte Künstler: Albrecht + Alt + Altorjay + Alviani + Barbieri + Bartels + Bayrle + Bechthold + Beuys + Bill + Böhm + Bonalumi + Bonato + Bonies + Brecht + Brüning + Bubenik + Buchholz + Burghart + Bussmann + Buthe + Calderara + Castro + Christo + Claus + Damke + Delahaut + Dematio + Dick + Dietrich + Distel + Dobes + Dohr + Dressler + Dunkelgod + Eucker + Filliou + Fischer + Fongi + Fritz + Fruhtrunk + Gaul + Geiger + Genkinger + Glasmacher + Glattfelder + Graeser + Groh + Gulik + Gutbub + Hangen + Hansen + Haubensack + Heibel + Henry + Hilgemann + Hingstmartin + Höke + Higgins + Hundertwasser + Immendorf + Jäger + Jones + Kämmer + Kämpf-Jansen + Kallhardt + Kamphues + Klasen + Koehler + Köpke + Kolar + Kramer + Krüll + Kriwett + Kubicek + Kuhaupt + Kuhnert + Laute + Leissler + Löbach + Lohse + Lueg + Luque + Luther + Malich + Mansouroff + Megert + Mitzka + Morandini + Müller-Domnik + Nachi + Neuenhausen + Neusel + Nöfer + Paeffgen + Page + Pfahler + Piene + Polke + Quinte + Rancillac + Reick + Reisse + Reusch + Richter + Rinke + Rivers + Roemer + Rot + Schultze + Spoerri + Staeck + Sykora + Thomkins + Tilson + Tollmann + Uecker + Ulrichs + Urbasek + Vautier + Vaux + Verelst + Vostell + Warmuth + Weseler + Wilding + Williams + Wintersperger + Wolfram + Wortelkamp + Zappettini.

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Vorwort im Katalog von Jürgen Harten [Direktor der Kunsthalle Düsseldorf]: Haushaltwaren, Möbel, Bastelzubehör, Modewaren, Schmuck, Spielsachen, Delikatessen, Geschenkartikel ... Waren zum Appetitanregen, zum Aussuchen, zum Einrichten und Gebrauchen - passen dazu nicht auch Multiples und Druckgraphik? Nachgemachte und vervielfältigte Kunst hat es im Warenhaus ja schon immer gegeben, alltägliche Bilder der Sehnsucht jenseits des Alltags. Aber immerhin haben bedeutende Unternehmen wie Tietz schon in den 20er Jahren mit großem Erfolg moderne Kunst im Warenhaus gezeigt. Die ersten vergleichbaren Versuche im Kaufhof waren künstlerisch überzeugend.

Die Eröffnungsausstellung im Restaurant und der Multiple-Markt in der Abteilung Bildung und Unterhaltung haben den Leuten nicht künstlerische Richtungen vorgeführt, sondern Möglichkeiten aufgezeigt. Neben namhaften Künstlern des In- und Auslandes, deren Arbeiten auch weiteren Kreisen schon auf großen Kunstausstellungen oder durch das Fernsehen bekannt geworden sind, waren viele jüngere deutsche Künstler und junge Editionen vertreten. Hat der Kaufhof damit die Rolle der Galerien oder der Kunstvereine übernommen? Wohl kaum. Die Kunstabteilung sollte einfach dazugehören wie der Grillroom: als Teil eines sich selbst ausstellenden Marktes. Läuft nicht mancher Tourist in Paris, Moskau oder Zürich nur aus Spaß und Neugier erst einmal ins Kaufhaus?

Moderne Kunst wendet sich an ein Publikum, das sich daran gewöhnt hat, auf Rolltreppen von Geschoss zu Geschoss zu fahren und variable Innenräume zu benutzen. Wenn der Kaufhof ein Treffpunkt wird wie früher die Ladenstraße, die Passage, dann kann so etwas wie ein Kommunikationszentrum entstehen, in dem weder blind verkauft noch unkritisch gekauft wird. Kritikfähigkeit aber, die durch Kunst entwickelt werden kann, wäre Ausdruck einer mündiger werdenden Gesellschaft. Wen die gemalte Rivieraidylle langweilt, der kauft vielleicht lieber einen Farbfilm oder einen Tintenfisch — und hat immer noch Geld für Graphik übrig. Schließlich hängen in den Räumen des Bundeswirtschaftsministeriums Originalgraphiken moderner Künstler.

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PRESSE

Einmal Hering im Glas | Kunst als Konsumgut – Multiple-Ausstellung im Kaufhof | Rezension von Yvonne Friedrichs in: Rheinische Post, Düsseldorf am 6. Dezember 1969: Multiples - in Serien hergestellte Kunstobjekte - sind für ein breit gestreutes Publikum bestimmt. Während die Preise für originale Werke der modernen Kunst in schwindelnde Höhe klettern, wird damit auch dem mit „normalem" Geldbeutel ausgestatteten Kunstliebhaber die Möglichkeit geboten, im künstlerischen Schmuck seines Heimes up to date zu sein.

Der Gedanke, diese „ars multiplicata" nicht nur in Galerien zu zeigen, sondern sie als „Konsumgut" im Warenhaus einem größeren Publikum schmackhaft zu machen, lag also nahe. Der Kaufhof am Wehrhahn gibt jetzt - in diesem Rahme wohl erstmals in Düsseldorf - in einer Sonderausstellung einen breiten Überblick über den bestehenden Multiple-Markt. Gezeigt werden rund 220 Objekte und Graphiken von 126 Künstlern aus 30 Editionen. Wie weit dabei allerdings - streng genommen - die zahlreichen Graphiken, vor allem Serigraphien, noch unter die „Multiples" zu rechnen sind, bleibt fraglich.

Werbeleiter Dietmar Kirves, der selbst ausübender Künstler und geprüfter Kunstpädagoge ist (er hat unter anderem auch Happenings veranstaltet), stellte die Ausstellung mit viel Elan und Mut zum Experiment zusammen. Es sollte keine dekorative, sondern informative Schau sein, in der neben dem Qualitätsvollen auch der Gag zu Wort kommt.

Die Preise bewegen sich zwischen drei Mark (für eine Serigraphie von Ulrichs) oder einem „Originalpostkartensatz" von Wewerka für vier Mark bis zu einer künstlerisch bedeutenden „Portfolio mit sieben Blättern" von D'Arcangelo zu 3600 Mark. Wer Sinn für Humor hat, kann sich für acht Mark eine originale „Bratwurst mit Henkel" von Page, ein zum Kunstwerk deklariertes Glas mit Heringen von Spoerri, ein „Intuitions"-Objekt von Beuys oder ein nagelneues Herrenoberhemd mit der Banderole „Zwangsjacke" von Bayrle erwerben. Für eine Kraterlandschaft aus gebackenem Kuchen von Dieter Rot muss der Käufer die Kleinigkeit von 400 Mark auf den Tisch blättern.

Vostell bietet zwei „Prager Brote" mit eingelegtem Thermometer an und Christo eine verpackte Miniaturausgabe des Kölner Doms. Ein überdimensionaler „Doppelfinger" im Plexiglaskasten von Wintersberger kostet 640 Mark, während ein Hammerbrett von Uecker schon für acht Mark zu haben ist..

Das reiche Graphik-Angebot reicht von Larry Rivers' „Dutch Masters", Indianas „Zahlen"-Portfolio und Warhols „Marylin" bis zu Blättern von Kolar, Glasmacher, Geiger, Luque oder Alvermann. Auch Spiegelreliefs von Luther, ein Umleitungsschild von Brüning, Op-Art-Reliefs von Wilding oder ein „button"-Schild von Kriwet kann man erstehen. Interessant ist, dass durch das große, vielseitige Angebot auch das sehr unterschiedliche Preisniveau der verschiedenen Verlage deutlich wird. So differieren die Preise für Kolar-Graphiken beispielsweise zwischen sechs und 180 Mark.

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Ganz weit vorn | „Multiple-Markt" im Kaufhof Am Wehrhahn | Von Dieter Westecker in Düsseldorfer Nachrichten am 6.12.1969 | Im Kaufhof Am Wehrhahn hat man ein Unternehmen gestartet, das unter dem Titel „Multiple-Markt" heftige Diskussionen unter den Besuchern des Hauses auslösen wird. Denn hier werden wohl erstmals in einem Kaufhaus künstlerische Arbeiten und Objekte gezeigt und verkauft, die ihre Nase ganz weit vorn haben. Und die im Gespräch sind. 20 Galerien und Editionen sind hier mit wohl hundert Künstlern und ihren Arbeiten vertreten. Das preiswerteste Stück — eine Graphik — kostet drei DM. Natürlich gibt es auch andere.

Die meisten der hier vorgeführten Arbeiten sind Graphiken aus dem Umkreis der Pop-Art, der Op-Art, des Hard edge. Und dann die Objekte, über die so manche Leute die Köpfe schütteln, die aber dennoch einer Diskussion wert sind. Für diesen Zweck stellt der Kaufhof zwei geschulte Kräfte ein, die sich auf dem Gebiet der jüngsten Kunst auskennen. Und hier einige Namen der ausstellenden Künstler: Rot, Christo, Schultze, Wilding, D'Arcangelo, Reiner Römer, Tim Ulrichs, Richter, Uecker, Beuys, Indiana, Wintersberger, Brüning, Lueg, Vostell und viele andere. Diese Auswahl mag genügen, um den Kunstinteressierten zu zeigen, wie breit das Band in dieser Schau ist.

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Vervielfältigte Kunst: Wenn das der Dürer sähe! | Von Gabriele Müller in Neue Rhein Zeitung, Weihnachten 1969:

Multiplemarkt Düsseldorf
WARUM KUNST immer nur in Form von Bildern an die Wand hängen? Multiple-Verkäuferin Monika Wagner zeigt hier eine kleine Auswahl der vielfach vorhandenen Werke im Kaufhof: vom Prager
Brot mit eingebautem Kinderbadethermometer (links) bis zum Ziegelstein mit praktischem Tragegriff
(rechts). In den letzten Tagen vor Weihnachten hat sich der Bestand allerdings schon gewaltig
reduziert. Kunst auf dem Gabentisch wird in diesem Jahr nichts Besonders mehr sein.
NRZ-Foto: Göllner

“Wenn das Dürer sähe, der würde sich im Grabe umdrehen!“ Nun — kein Mensch weiß, wie Dürer heute malen würde, und die Leute, die ihn rotieren wähnen, gehören zur Minderheit der Kunstmarkt-Besucher des Düsseldorfer Kaufhof Am Wehrhahn. Die meisten kommen aus Interesse. Und um eine Auswahl moderner Kunst zu sehen, die in der Bundesrepublik nicht ihresgleichen hat. Für die notorisch Konservativen schließlich gibt es nebenan jede Menge Entschädigung: Reproduktionen klassischer Moderner, die nicht auszurottenden Gemälde leichtbekleideter Zigeunerinnen und fabrikneue “Antiquitäten“. Doch, ein Lob den Düsseldorfern, der Umsatz des ersten deutschen Multiple-Marktes im Kaufhaus ist drei- bis viermal so hoch wie der in der herkömmlichen Bilderabteilung. Bei oft vergleichbaren Preisen übrigens. Moderne Multiples sind allerdings schon für acht Mark zu haben, zum Teil sogar handsigniert und von Künstlern wie Uecker, Beuys, Weseler, um nur einige international anerkannte Lokalgrößen zu nennen. Ein "Original-Ölgemälde“ nebenan dagegen ist mit hundert und mehr Mark ausgezeichnet.

Gemälde im Akkord. Aber auch die Originalität ist nicht der entscheidende Unterschied beider Verkaufsbereiche. Bei den Multiples ist die Voraussetzung klar: ihr künstlerischer Wert ist nicht an der Einmaligkeit zu messen. Doch wie sieht es bei den Ölschinken aus, die diesen Anspruch erheben? Monika Wagner, die 25jäihrige Multiples-Verkäuferin, hat einmal in einer "Bilderfabrik" zugeschaut: "Solche Gemälde entstehen wirklich im Akkord. Der ,Maler‘ läuft mit seinem Pinsel von einer Leinwand zur nächsten und tut an jeder den gleichen Strich. Beim siebten oder achten Bild wird seine Pinselführung schon ein bisschen genialer . . ."

Natürlich gibt es auch auf dem zeitgemäßen Kunstmarkt nicht nur Acht-Mark-Stücke. lm Durchschnitt liegt die obere Grenze bei drei- bis vierhundert Mark. Manchmal klettern die Preise auch erheblich höher: Kriwets Poem-Paintings sind mit 8000 Mark die teuersten Stücke. Auch sie finden Käufer. Schon kurz nach der Eröffnung des als einmalige Ausstellung geplanten Marktes stand fest, dass er zur ständigen Verkaufsausstellung umfunktioniert werden würde. Dietmar Kirves, der junge Organisator des Multiple-Marktes: „Der Umsatz hat die Geschäftsleitung überzeugt.“ In nur anderthalb Wochen stand der Markt, der erst Anfang Dezember eröffnet wurde (Wir berichteten darüber). Der galerieerfahrene Kirves: „Eine Wahnsinnsarbeit — aber hier fehlten die Anfangsschwierigkeiten einer Galerie, weil die Ausstellung vom Apparat des Kaufhauses getragen ist.“ Aus rund 200 Editionen wählte Kirves die 33 aus, deren Werke jetzt in Düsseldorf in einer einmaligen Konzentration zu sehen sind. Auswahlkriterien waren Bekanntheitsgrad und Marktwert der Künstler, die Kirves meist persönlich aufsuchte. Eigentlich sollte die Ausstellung nur Nebenjob des examinierten Kunsterziehers sein, der zwölf Semester Kunstakademie in Kassel absolvierte. lm Januar wird der 28jährige die Werbung, für die er in erster Linie engagiert war, abgeben und nur noch den Kunstmarkt betreiben. Dann sind auch Aktionen geplant, die Informationen über Künstler liefern sollen und, zu Beginn, eine Repräsentativausstellung tschechischer Künstler.

Bratwurst mit Henkel. Monika Wagner, die junge Kunststudentin, die täglich rund 50 Leute über das Multiple-Angebot informiert, interessiert auch die psychologische Seite ihres „Jobs“, den sie nur noch bis Ende des Monats ausüben wird. “Viele Leute stellen ganz unvoreingenommen ihre Fragen. Sie geben nicht vor, was zu wissen ganz im Gegensatz zu dem Publikum in Galerien.“ Andere dagegen identifizieren die Kunst-Beraterin mit den ausgestellten Objekten: „Fräulein, jetzt sagen Sie mir bloß mal, was daran 60 DM kostet!“

Die meisten Angriffspunkte für Diskussionen darüber, ob das nun Kunst sei oder nicht, bieten drei der Acht-Mark-Gegenstände aus dem Vice-Versand, dessen Angebot in Zukunft auch im Ganzen verkauft werden soll: Beuys Holzkistchen mit der Bleistiftschrift „Intuition“, Brechts Sonnensalz und Pages Bratwurst mit Henkel. Doch alle drei werden auch immer wieder verkauft. Kirves: ,,Wir haben darum gewettet, ob sich zum Beispiel der Uecker — ein Holzbrett mit Nageln und Hammer — überhaupt verkaufen lässt: inzwischen sind mehr als 40 Stück weg.“

Junge Leute gehören zu den interessiertesten Besuchern. Monika Wagner: “Zehn- bis zwölfjährige Schüler schleppen ihre Eltern her, weil sie sich einen der Gegenstände oder Blätter zu Weihnachten wünschen.“ Nur renommierte Kunstsammler machen sich gewöhnlich rar: Für sie ist mit dem Kaufhaus noch immer der Begriff des Billigen, Anrüchigen verbunden. Dabei hat gerade das Experiment Multiple-Markt dazu beigetragen, dass das Warenhausangebot, das bisher vorwiegend existenzbefriedigende Bereiche deckte, sich auch auf den kulturellen und bewußtseinsbildenden Bereich ausdehnt.

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FERNSEHEN | 1. Programm am 9. März 1970 um 21:45 Uhr
ARD Fernsehen

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Alles unter einem Dach | Rezension in Frankfurter Allgemeine Zeitung am 9. März 1970: Auch Werbesprüche müssen manchmal eingelöst werden. Das große deutsche Kaufhaus, das damit wirbt, es biete alles unter einem Dach, und zwar tausendfach, entdeckte eine Lücke im Angebot. Vielleicht hatten die Manager davon. gelesen, dass die moderne Kunst inzwischen aus dem Elfenbeinturm erlöst ist und ihr Warencharakter nicht länger verheimlicht werden kann. Was liegt also näher, als diese Ware in das Tausendfache Angebot aufzunehmen? Gedacht ist aber noch nicht so schnell getan. Ein Schuss Misstrauen gegenüber den geschätzten Kunden, der natürlich hier noch mehr Monarch als anderswo ist, war wohl auch dabei, als man sich entschloss, erst einmal ein Experiment zu machen. Wo? Natürlich dort, wo die kunstsinnigsten Käufer immer schon versammelt waren, im Rheinland, dem neuen Kunstzentrum der Bundesrepublik. Da traf es sich gut, dass im zweiten Düsseldorfer Kaufhof, Am Wehrhahn, sowieso ein neues Organisationsmodell eingeführt werden sollte; warum, es dann nicht auch einmal mit der Kunst versuchen? Als Partner boten sich die wie Pilze aus dem Boden schießenden Editionen an. Denn die Galerien sind weniger daran interessiert, einen neuen, ?nanzstärkeren Konkurrenten zu unterstützen. Dagegen stellen ja die Editionen den Anspruch, die Käuferschichten über die traditionellen Kunstsammler auszuweiten; ihnen muss daran gelegen sein, ihr Angebot an einem Ort zu präsentieren, an dem sie breitere Käuferschichten erreichen. So gingen Kaufhof und Editionen eine Ehe auf Zeit ein, die sich recht lukrativ zu gestalten verspricht: Die Editionen liefern ihre Ware auf Kommissionsbasis, das Kaufhaus stellt sie aus und sorgt, im wohlverstandenen eigenen Interesse, für den Absatz. So blickt in Düsseldorf die Zigeunermadonna höchst irritiert auf den Plastikbusen von Allen Jones, und dem Käufer wird die Qual der Wahl noch ein wenig verlängert. Für die Kunst-als-Ware-Diskutanten heißt das: Nehmt die Werbesprüche der Unternehmen ernst, die Händler sind euch schon wieder eine Nasenlänge voraus. hpr

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Die Zeit: Kunst als WareJunge Leute im Kunsthandel: viel Idealismus - wenig Verdienst | Die Zeit in Wirtschaft am 01.05.1970: Dietmar Kirves (28) leitet eines der interessantesten Experimente auf dem Kunstmarkt: die Galerie im Kaufhof am Wehrhahn (Düsseldorf). Die Ansprache „eines breiten Publikums mit zeitgenössischen Kunstströmungen" scheint recht erfolgreich. Bisher wurden 700 Bilder und Objekte verkauft. Die Ausstellung im Warenhaus soll dreimal im Jahr wechseln. Angeboten werden Multiples und Graphiken verschiedener Künstler, die zum Teil von anderen Galerien und aus Editionen übernommen werden. Über den Umsatz will Kirves noch nicht sprechen; finanzielle Sorgen bereitet ihm der Umgang mit der Kunst nicht: Er ist Angestellter des Kaufhof.

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EXPOSÉ

Dietmar Kirves: Kunstausstellungen und Kunsthandel im Warenhaus. Analyse der bestehenden Möglichkelten. | Düsseldorf im September 1969: Kunst im Warenhaus wird heute noch als eine fremde Verbindung angesehen. Kunst gehört in ein Museum, in eine Galerie, an einen besonderen Ort (siehe Denkmalspflege). Dies sind Vorstellungen eines kontemplativen Weltbildes, das im 19.Jahrhundert beheimatet ist. Mangelnde Kommunikation und Information, sowie die Außenseiterstellung des Künstlers verschaffen dieser Ansicht auch heute noch Geltung.

UmKunstobjekte in den Verkaufsprozess eines Warenhauses zu integrieren, bedarf es einiger Analysen. Selbstverständlich kann hier nicht überlegt werden "Was Kunst ist?" Eher aber kann erklärt werden, was ein Warenhaus ist bzw. welche Kommunikationen sich im Warenhaus anbieten.

Zur kurzen Definition seien drei Merkmale des Warenhauses genannt: erstens ist ihm die Fremd-bedarfsdeckung eigen, d.h. das Hervorbringen und Vertreiben bestimmter Bedarfsdeckungsmittel, zweitens die bedingte wirtschaftliche Selbstständigkeit, die nur eine graduell differenzierte Entscheidungsfreiheit hinsichtlich der Planung und Lenkung des Preisgefüges zulässt und drittens das wirtschaftliche Risiko, das sich aufgrund der eigenverantwortlichen Planungsentscheidung zwangsläufig ergibt. Das Warenhaus gehört damit zu den Unternehmen, die der mittelbaren Existenzbefriedigung dienen. Die Antriebskräfte seines wirtschaftlichen Handelns umfassten bisher nur Existenzbedürfnisse, d.h. materielle Zwecke, nicht aber Kulturbedürfnisse (geistige Zwecke).

Im Laufe der Jahre entwickelte es sich nicht nur zu einem existenzbefriedigenden Faktor, sondern berücksichtigte mehr und mehr das in der Masse latent vorhandene Kulturbedürfnis. Allerdings muss dieses Bedürfnis durch Information und Werbung neu geweckt werden, da dem heutigen Massenmenschen der kulturelle Aspekt nicht mehr bewusst ist. Waren wie Bücher, Schallplatten, eigentlich Individualerzeugnisse, fanden Eingang in das Warenhausangebot aber nicht den Absatz wie existenzbedingende Waren; damit wurden jetzt Bevölkerungsschichten angesprochen, deren Bedürfnissen das bisherige Angebot nicht entsprach.

Mit der Ausweitung des kulturbildenden Aspektes und der Integration von Kunst im Verkaufsprozess kann sich das Warenhaus zu einem Kommunikationszentrum entwickeln, wie es auf dem Verbrauchermarkt vergleichbar nicht zu finden ist. Da die "Gegenwart der Kunst auf Massenproduktion ausgerichtet ist" (Kultermann) und ein Kulturbedürfnis in der Bevölkerung vorhanden ist, bietet es sich sozusagen an, sich zur Verbreitung der Kunst dieser Zentren zu bedienen, wie es eben Warenhäuser sind.

Die Schwierigkeit besteht vorerst darin, erkennen zu lassen, dass Kunst nicht als Dekoration oder Beiwerk gedacht ist, sondern als ein "bewusst eingesetztes Medium der künstlerischen Bewusstseinsbildung anzusehen ist"(Schultze-Vellinghausen). Diese Schwierigkeit kann nur durch aufklärend wirkende Information und Werbung seitens des Warenhauses beseitigt werden, um gleichzeitig das kulturelle Angebot in ein wirtschaftliches umzubilden. Die Frage nach der Art und Weise der Wirtschaftlichkeit lässt sich vorläufig nur am zeitgenössischen Kunsthandel untersuchen, der sich vorwiegend in Kunstgalerien abwickelt. Wie aber sieht ein Unternehmen solcher Art heute aus? Das Bild einer modernen Galerie wird in der Hauptsache durch die Persönlichkeit des Galeristen geprägt. Er ist bestrebt, sich von anderen Galerien zu unterscheiden, um ein eigenes Image aufzubauen oder zu erhalten. Der Galerist wählt das Ausstellungsprogramm aus, unterstützt ihm geeignet erscheinende Künstler, führt Verhandlungen mit dritten Personen und leitet den Verkauf von Ihm erworbener oder in Kommission genommener Kunstobjekte. Der Großteil des Verkaufs findet in der Galerie statt. Die Gewinnanteile liegen zwischen 30 und 80 Prozent, je nach anteiliger Leistung des Galeristen.

Das Hauptangebot erstreckt sich auf Malerei, Plastiken und Objekte mit einem durchschnittlichen Verkaufswert von 300 bis 30000DM. Das kleinere Angebot besteht in Graphiken und Serigraphien zwischen 30 und 300DM.Sämtliche Angebote werden ausschließlich in Ausstellungen und Katalogen offeriert. Schwerpunkte des Verkaufs sind Ausstellungseröffnungen, zu denen ein Kundenstamm schriftlich eingeladen wird, der zu einem kleinen Teil aus Kunstsammlern besteht und zu einem großen Teil aus Personen, die in einer Eröffnung nur ein gesellschaftliches Ereignis sehen. Die Werbung besteht in einem jeweils ausstellungsbedingten Prospekt, Katalog oder Plakat, in der Information der Presse und in Inseraten in einschlägigen Kunstzeitschriften. Die Hauptrichtung des Verkaufs zielt auf den Kunden hin, wobei nicht ausgeschlossen ist, dass der Kunde durch Verkauf oder Tausch ebenfalls mit dem Galeristen handelt.

Es ist selbstverständlich, dass dieses Modell in der Form nicht übernommen werden kann, da ein Warenhaus einen ganz anderen Öffentlichkeitscharakter hat wie eine Galerie.

Welche realen Möglichkeiten bieten sich nun für den Kunsthandel im Warenhaus an?

a.) Die Warenhausleitung beauftragt einen Galeristen, der Ausstellungen organisiert und leitet. Das Unternehmen ist über Miete und Umsatzprozente am Kunsthandel beteiligt. Somit entfällt jegliche Art von wirtschaftlichem Risiko. Das spezielle Existenz- und Imagestreben des Galeristen gewähren ein dauernd wechselndes Angebot, das nicht einem dekorativen Aspekt unterliegt. Der Nachteil hierbei liegt darin, dass der Kunsthändler nicht unbedingt an das Warenhaus gebunden ist. Der Handel in dieser Richtung ist einfach zu offen, als dass er vertraglich genügend festgelegt werde könnte. Der Großteil der Umsätze kann außer Haus erfolgen, sodass die Umsatzbeteiligung entsprechend gering ausfällt. Zudem werden sich das Imagestreben des jeweiligen Galeristen nicht immer mit dem des Warenhauses decken, da der Kunsthandel nicht direkt im Verkaufsprozess integriert ist.

b.) Die Warenhausleitung organisiert selbst Ausstellungen von Kunstobjekten an freien Wand- und Dekorationsflächen. Das Interesse an kulturbildenden Fakten wird deutlich. Die dadurch primär entstehende Imageanhebung entbehrt jeder Wirtschaftlichkeit. Der Verkauf bzw. die Verkaufsabsicht bleibt sekundär; sie hängt dann mehr oder weniger von der Eigeninitiative des Kunden ab. Die Kunstobjekte können zur Dekorationsware werden, indem das Objekt der Umgebung angepasst wird.

c.) Das wichtigste Moment des Kunsthandels im Warenhaus ist wohl dessen Wirtschaftlichkeit, da ein solches Unternehmen in erster Linie an einer Gewinnmaximierung interessiert ist. Es ist daher wichtig Kunst durch Information und Werbung nach und nach in den allgemeinen Verkaufsprozeß einzugliedern, d.h. das latente Kulturbedürfnis in der Bevölkerung muss erst geweckt werden. Das geschieht am besten durch Kunstausstellungen in Räumen, deren Hauptnutzung einem anderen wirtschaftlichen Zweig unterliegt, wie z, Bsp. in einem Restaurant, Foyer, etc. Ständig wechselnde Ausstellungen, mindestens im Vier-Wochen-Rhythmus müssen ein breites Angebot erkennen lassen, das keinem Provinzialismus oder künstlerischen Kunstgegenständen (Kunstgewerbe) Vorschub leistet, was im Wesentlichen von dem Personenkreis bzw. der Person abhängt, die die Auswahl der Ausstellungsobjekte bestimmt. Neben den wechselnden Ausstellungen muss ein ständiges Angebot von preisgünstiger Druckgraphik begrenzter Auflage vorhanden sein (etwa ab 30 DM), um dem Kunden einen Anreiz zu geben, Kunst zu besitzen. Die Information beruht hierbei nicht nur auf für den Kunden kostenloser Werbung, sondern auch in preisgünstigen Angeboten, die zu Anfang nahe dem Selbstkostenpreis liegen. Kunst ist hier als Konsumprozeß aufzufassen. "Der Grad der Durchsetzung einer bestimmten Information ist wiederum ein Kriterium für die Akzeptanz bei einem potentiellen Verbraucherkreis" (E. Fischer in Magazin Kunst,33/1969). Die Preiskosten von Druckgraphik können durch einen Eigenverlag niedrig gehalten werden. Das jeweilige Angebot muss durch Prospekte katalogisiert werden, um dem Kunden so eine Übersicht zu verschaffen. Zu Anfang dominiert der Verkauf nicht so sehr, mehr aber die Intensivierung der Verbindung zwischen Warenhaus und interessiertem Kunden, der über eine Adressenkartei erfasst werden müsste. Ebenso muss die Verbindung zwischen Künstler und Warenhaus neu aufgebaut werden, da es eine solche Kommunikation bisher noch nicht gab. Die eine wie die andere Kommunikation, Kunde wie Künstler, sind wichtige Imagebildende Faktoren. Es ist daher wichtig, zu Anfang mehr in den Handel und das Angebot zu investieren, als gleich an eine bestimmte Wirtschaftlichkeit bzw. Rentabilität zu denken. Das Risiko ist hierbei natürlich verhältnismäßig größer als bei existenzbefriedigenden Produkten. Da aber bekannt ist, dass bei Kunstobjekten der Wertzuwachs von der Zeitrate abhängig ist, erstreckt sich das Risiko nur über einen größeren Zeitraum.

Programm für den Kunsthandel im Warenhaus: (stichwortartig)

Eigeninformation: Künstlerische Tendenzen beobachten; Entwicklung des Kunsthandels fixieren; besichtigen von Ausstellungen und Aktionen; Verbindung mit Künstlern suchen und aufrechterhalten; abonnieren von wichtigen Kunstzeitschriften . . .

Werbung: Prospektmaterial; eventuell Plakate; Werkstattgespräche; Verkauf von "billiger" Druckgraphik und Sekundärliteratur an einem besonderen Stand, der auch später den Verkauf von Kunstobjekten übernehmen kann; besondere Verkaufsmittler einsetzen; Adressensammlung von Interessenten anlegen; Kundschaft über Neuangebot informieren.

Künstler: Auswahl auf nationaler und internationaler Ebene, nach verkaufsmöglichen und bewußtseinsbildenden Kriterien.

Kunstobjekte: Malerei-Graphik-Plastik etc.; in Kommission vom Künstler; leihweise von Galerien; Ankauf

Ausstellungsort: Freie Wandflächen in fremdgenutzten Räumen; angrenzender Raum für Plastiken, Raumplastiken, Experimente

Ausstellungen: Jeweils in einem bestimmten Rhythmus, mindestens im Vier-Wochen-Wechsel; daneben ständiges Ausstellungsangebot

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