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TERRY FOX & JOSEPH BEUYS: »ISOLATION UNIT«
Im Keller der Düsseldorfer Kunstakademie am 26. November 1970
Organisation, Besorgung der Einzelteile, elektrische Beleuchtung, Fotoaufnahmen
art information #2
15 Seiten, 21x30cm, 200 Expl., geheftet, gestempelt "Terry Fox Hauptstrom", mediacontact Düsseldorf 1971
Location + Ansichten + Plot + Widmung + Adressaten + Stempel + Rezension + Brief + Heft + Literatur

art information #2PLOT: Die Performance war eine Zusammenarbeit zwischen Terry Fox und Joseph Beuys, bei der viele Klangelemente zum Einsatz kamen. Das erste Geräusch, das auf der Platte zu hören ist, ist das Anschlagen eines acht Zoll langen Rohres durch Terry Fox mit einem ein Zoll langen Eisenrohr. Die Mündung des Rohrs ist auf einen Fensterrahmen gerichtet, der vier Glasscheiben enthält. Das Rohr wird angeschlagen und durch Abhören des Echos werden akustisch tote Punkte im Glas gesucht. Wenn diese Punkte gefunden werden, wird das Glas zersprungen. Hinter dem Fensterrahmen brennt eine Kerze. Wenn alle Scheiben zerbrochen sind, wird das Holzkreuz aus dem Rahmen geschlagen und es wird versucht, die Kerzenflamme mit der Schallwelle, die von der Pfeife ausgeht, zu biegen. Dann wird das Röhrchen auf den Boden geschlagen, auf der Suche nach den toten Punkten im Glas einer brennenden Glühbirne. Zu diesem Zeitpunkt beginnt Beuys eine Cherimoya-Frucht zu essen und spuckt die Kerne einzeln in eine kleine Silberschale zu seinen Füßen. Diese beiden Geräusche setzen sich simultan fort, bis die Frucht verzehrt ist.
 

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LOCATION:

Location Keller der Kunstakademie
Location im Keller der Kunstakademie | Treffen bei Tageslicht

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ANSICHTEN:

Location Keller der Kunstakademie
Joseph Beuys zum ersten Mal im Filzanzug während der Aktion
Filz als Anzug geschnitten und genäht, ca. 188 x 72 x 22 cm

Location Keller der Kunstakademie
Joseph Beuys und Tery Fox während der Aktion

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WIDMUNGEN

Widmungen von Terry Fox
Original | 210 x 297 mm | Filzschreiber | gestempelt

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ADRESSATEN

Adressaten 1
Adressaten 2
Original | 210 x 297 mm | Kugelschreiber | Filzstift | Signatur gestempelt

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REZENSION:

DIE TOTE MAUS DES JOSEPH B., Eine makabre Zeremonie im Akademie-Keller. Rezension von Helga Meister in Düsseldorfer Nachrichten am 26.11.1970: Eine derartige Totenfeier wird wohl noch kein Tier erhalten haben wie die arme Maus des Kunstprofessors Joseph Beuys, die vor einigen Tagen verendet war. Im äußersten Winkel des Kunstakademie-Kellers, dort, wo man sich schon für verirrt hält, fand eine Aktion statt, die makaber und skurril zugleich war, bedeutungslos-naiv erschien und immer auch zeitkritische Aspekte freigab.

Zunächst stand Beuys abseits des szenischen Geschehens, jedoch als Teil des Ganzen, eingehüllt in jenen Filzanzug, den die Berliner Galerie René Block als „handgeschneidertes Exemplar" in einer Auflage von hundert Stück beim diesjährigen Kunst-Markt feilbot. Ein lebendes Kunstwerk also. Währenddessen hockte der kalifornische Künstler Terry Fox der ursprünglich als Solist des Abends fungieren wollte (bei der Vorplanung war die Maus noch lebendig), im Schneidersitz auf dem Boden und blies sich rauchend Mut zu. Dann wusch er sich, zur eigentlichen Zeremonie übergehend, in einem Schälchen die Hände. Lange und gründlich kursierte die Seife, und das Geräusch des Reibens wurde über Lautsprecher zu den wenigen Zuschauern übertragen, die wie gebannt dem Ereignis beiwohnten.

In der Zwischenzeit flackerte Feuer in Kreuzesform auf dem Boden; Fox hatte jenes Gelee aufgetragen, das die Amerikaner sowohl zum Garen ihrer Camping-Menüs wie für die Napalmbomben benutzen. In einer Ecke brannte hinter einem angelehnten Fenster eine Kerze. Im Raum verstreut lagen zwei Eisenrohre, Sinnbilder, wie sich zeigte, einer dumpfen, brutalen Macht.

Die weitere "Veranstaltung" des Terry Fox bestand darin, daß er die beiden Rohre aneinanderschlug und so eine monotone Rhythmik erzeugte, die über Lautsprecher verstärkt übertragen wurde. An den akustischen Höhepunkten zerschlug er je eine der vier Fensterscheiben. Beuys war in der Zwischenzeit aus seiner Ecke hervorgetreten und hielt dem napalmgetränkten Feuer seine tote Maus entgegen. Und während der Amerikaner auf die Rohre und mit den Rohren schlug, ließ Beuys die Maus auf dem Tonbandgerät kreisen und ergriff eine indische Chrispana-Frucht, deren große harte Kerne (vergrößerter Mäusekot gleichsam, so Beuys) er in eine bereitstehende Schale spuckte. Die aufschlagenden Kerne des einen korrespondierten mit dem dumpfen Rohrenklang des anderen.

Beuys nach der Vorstellung: „Vor einigen Tagen erschien mir meine Maus im Schlaf als großes Murmeltier, kam zu mir und biß mich dreimal in die Hand. Als ich aufwachte, wußte ich, daß sie tot war. Und sie war tot. Nachdem sie drei Jahre neben meinem Bett gelebt hatte." Zu Napalm sagte Terry Fox nichts.

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STEMPEL

beuys fox stempel vornebeuys fox stempel unten
"Terry Fox" geschrieben von Joseph Beuys
Original | 35 x 67 x 40 mm | Holz | Gummiprägung

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BRIEF vom 5. Februar 1972

Brief von Terry Fox
Original | 278 x 215 mm | Shreibmashine auf Papier

Übersetzung: Lieber Dietmar!
Tut mir leid, dass ich Dir nicht früher geschrieben habe, aber ich bin im Krankenhaus. Ich bin auch nicht in der Lage, Dir irgendwelche Sachen zu schicken, weil ich keine hier bei mir habe. Ich werde noch lange im Krankenhaus sein, wahrscheinlich bis April.
Als ich das letzte Mal Düsseldorf verlassen habe, habe ich vergessen, einige Hefte der art-Information über mich mitzunehmen, die Nummer 2. Könntest Du mir bitte ein paar schicken? Hast Du viele Abonnements bekommen? Ich habe kein Geld, um Dir etwas für das Porto zu schicken, aber sobald ich welches habe, werde ich Dir welches schicken. Ich brauche nur ein paar Exemplare, 5 oder so.
Ich komme im September nach Deutschland, um an der Dokumenta teilzunehmen. Ich werde eine 120-stündige Performance machen und einige Bänder und Filme zeigen. Hast Du etwas mit den Fotos aus Mönchengladbach gemacht? ha ha Willoughby Sharp will immer noch nicht mit mir sprechen! Hast Du den Scheck für den Beuys-Film von Modi-Vitali bekommen?
Ich habe meine Hände in Bandagen und muss mit einem Finger tippen, also wird dies ein kurzer Brief sein.
Bitte schreibe mir an 16 Rose [Strasse] und sagen mir mir, was Du machst, ich denke oft an Dich. Ich ein schrecklicher Briefschreiber, es dauert ewig, bis ich dazu komme, einen zu schreiben. Joel Glassman sagte mir, dass du etwas mit ihm planst. Gut.
Irgendwas Aufregendes in Düsseldorf?
Jetzt muss ich schließen, schreibe mir bald. Alles Liebe für dich.

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Literatur:

CENTRE POMPIDOU: Joseph Beuys, Ausstellungskatalog, Paris 1994

KLOPHAUS, Ute: Sein und Bleiben. Photographie zu Joseph Beuys, in: Ausstellungskatalog
      Bonner Kunstverein 1986

TERRY FOX: Elemental Gestures, Hrsg. Arnold Dreyblatt und Angela Lammert, Ausstellungskatalog
— —: Akademie der Künste, Berlin 6. November 2015 - 10. Januar 2016
— —: BAM - Musée des Beaux Arts, Mons 5. März - 12. Juni 2916
— —: Von der Heydt-Museum, Wuppertal 2. Oktober 2016 - 26. Februar 2017
— —: Kunstmuseum Bern, Bern 3. März - 4. Juni 2017

TERRY FOX: ... I wanted to have my mood affect their looks.", Interview S. 70-81, Hrsg. Willoughby Sharp,
      Avalanche, New York 1971

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