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Michael Buthe: FREUNDE
art information #3
21 Blätter, 21x30cm, 200 Exemplare, geheftet, signiert mit Stempel Karawane LA SCHALU,
mediacontact, Düsseldorf 1972
Druckversion

Michael Buthe Freunde HeftumschlagMichael Buthe Selbstportrait

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PORTRAITS:

ELISABETH, eine Freundin seit 27 Jahren
HEINRICH, ein Freund, der mich lehrte, mit Hunden zu sprechen
SANYASIN, ein Freund, der das Glück und die Schönheit verkörpert
STEFANO, the wonder, he looks the world through
BOB, a friend with a life dream
AZIZ MOULAY EL HARDY, die Verkörperung kosmischer Sensibilität
MARIETTE, ein göttliches Phänomen
ANTONIO, cometa di fantastico
MICHAEL BUTHE, Selbstportrait
SIGMAR POLKE, «La Mövre»
WILLIAM SPORGEN FUNDERBURG, ein Wahderer durch die Wüste der Rosen
HARRY, ein englischer Freund, der wünderschöne Geschichten erfindet
HANNELORE, le fleur of the green eyes
C.O. PÄFFGEN
KALIK RANSOR DOE DEI, der Mann, der mir gezeigt hat, die Menchen zu sehen
KATHARINA, die Göttin der 25. Stunde
MICHEL, Gipsyboy
PABLO STÄHLI, he makes jokes and has a long nose
MARKUS RAETZ, Shönheit — Stille
PALERMO

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REZENSION:
Jean Christophe Ammann: MICHAEL BUTHE
in: Kunstforum, Köln, Bd. 14, 1975

Chronologisch könnte man das Werk von Michael Buthe in drei Situationen aufteilen: Räume – Geschichten – Reisen. Thematisch überlagern sich diese Situationen, gehen transparent ineinander über. Die Zeichnungen von 1967-69 sind fast alle imaginäre Grundrisse für räumliche Projekte oder sind ‚Entwürfe‘ für zerrissene Tücher; was sich immer als ‚autonomes‘ Werk, als unmittelbar in die Zeichnung übertragene Empfindungsdimension darstellt, ist – von der Ausgangssituation her gesehen – das Lokalisieren eines Beziehungsspiels, in welches jeweils die eigenen Erlebnisse, die ‚Geschichten‘ wie sie Michael Buthe nennt, hineinwirken. Linienverläufe sind unmittelbar Bewegung und Nachvollzug, sind sinnlich Erspürtes als Prozeß und Erinnerung; in die Zeichnung einbezogene Gegenstände sind provozierte ‚Störung‘ und bewußt Eigenständiges, die als Chiffre im und als Objekt Erlebtes zum Ausdruck bringen. Solange Michael Buthe im Bereich seines Ateliers lebte, bildete dieser auch seine Welt, und die vielen Menschen die ein und ausgingen waren deren Protagonisten. Die mit zärtlicher Aggressivität zerrissenen, später mit hartnäckiger Besessenheit genähten und eingefärbten Tücher sind eine im physischen und psychischen Einsatz geleistete Reise innerhalb des Materials selbst.

Der erste Marokko-Aufenthalt von 1970 bewirkt den Einbruch der Farbe. Damit sind die Weichen gestellt für eine ganz beträchtliche Veränderung des Erlebnis-Charakters, den das Werk von Michael Buthe beinhaltet. Die Reise bringt die räumliche Ausweitung, die Farbe transformiert die Zeichnung, tritt oft, unter Beibehaltung der Bedeutungsintensität, an ihre Stelle.

Das seit 1970 entstandene Werk steht nunmehr ausschließlich in Verbindung zu mehrmonatigen Aufenthalten in Afrika (Benin) und Persien.

Ein eruptives Form- und Farbbewußtsein verarbeitet simultan Sinneseindrücke unter gänzlich neuen Bedingungen.

‚Reise‘ wird zur Reise durch die Mythen; die ‚Geschichten‘ sind die Geschichten der Dämonen, der Engel, der Götter und Medizinmänner. Michael Buthe steht ihnen nahe, weil es immer Menschen sind, deren Erfahrungsbereich er zu seinem eigenen macht. Wichtig dürfte sein, daß Michael Buthe den Mythos nie als Zitat verwendet, als Versatzstück gleichsam ‚für eine bessere Zukunft‘. Er erlebt ihn durch die Menschen und transformiert ihn als Realität und diese Erlebniskapazität findet sich auch in seinem Werk, wie es die Inszenierungen ‚Le Dieu de Babylone‘ und ‚Zarathustra‘ zeigten. Zusammengefügte Materialien evozieren wohl ein Krokodil oder ein Schiff, aber sie haben nicht Hinweischarakter mit stellvertretender Funktion, sondern sind primär eigene plastische Gebilde, denen die Funktion eines Krokodils oder eines Schiffs zukommt. Die auf einen massiven Rahmen in Rundform gespannte Leinwand, mit Bienenwachs überzogen und Goldtupfern dicht übersät ist Bild/Objekt und ‚Sonne‘; die riesigen, rot eingefärbten Tücher sind Malerei und Firmament, Himmel- und Wohnzelt; ein aus starken Asien gebautes rechteckiges Gerüst, bedeckt mit Wachs und Rosenblättern ist Skulptur und Bett. Mit anderen Worten: die Bezeichnung der Gegenstände erfolgt erst aus einem vom Künstler geschaffenen, den Gegenständen konstitutiv nicht eigenen Kontext, auch wenn sie sich scheinbar nahtlos in diesen einfügen.

Die Versuchung ist groß sich in Worten und Imagination den ‚Reisen‘ von Michael Buthe anzuschließen, aber man läuft auch Gefahr dabei Inszenierung, Objekte und Zeichnungen – die ihrerseits in umfangreichen Gruppen eine Zeitspanne abstecken – all zu sehr unter dem Aspekt seiner überbordenden Phantasie zu betrachten; Phantasie, die selbst die recht freizügig untereinander kommunizierenden Mythologien aus dem Gleichgewicht wirft.

Das Werk von Michael Buthe ist primär die überzeugende Leistung einer schöpferischen Intelligenz, getragen von einem Engagement, wie das heute keineswegs als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann.
Quelle: https://www.kunstforum.de/artikel/michael-buthe-2/

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LITERATUR:

AMMANN, Jean-Christophe(Hrsg.): Joseph Beuys, Michael Buthe, Franz Eggenschwiler und die Berner Werk-Gemeinschaft (Konrad Vetter, Robert Waelti), Markus Raetz, Diter Rot. Ausstellungskatalog. Luzern, Luzern 1970, DNB 577086480.

FRANKE, Marietta: Der absurde Blick. Künstlerische Entwicklungsfähigkeit. Spiritualität und Abstraktion bei Michael Buthe. Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 2010, ISBN 978-3-631-61278-1.

OSTERWOLD, Tilman (Hrsg.): Michael Buthe – Primavera Pompeijana. Edition Cantz, Stuttgart 1989, ISBN 3-89322-147-6.

GÖLTENBOTH, Natalie: Michael Buthe: Mein inneres Marrakesch. Hrsg.: Goethe-Institut. Juli 2016 (goethe.de).

HERZOG, Hans-Michael (Hrsg.): Michael Buthe – Frühe Zeichnungen, Collagen, Tagebücher, Ostfildern-Ruit und Bielefeld 1999.

KIER, Udo: Footprints, Köln und New York 1991

— —, KLAUKE, Jürgen; MÜLLER, Dominikus; ODENBACH, Marcel; ROSENBACH, Ulrike; GRAEVENITZ, Antje von; WIESE, Stephan von: Michael Buthe und Ingvild Goetz - eine Freundschaft. Ausstellungskatalog. Hrsg.: Ingvild Goetz, Karsten Löckemann, Leo Lencsés. Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2016, ISBN 978-3-7757-4224-5.

KIRVES, Dietmar: Michael Buthe. Freunde. mediacontact, Düsseldorf 1971

PATERSON, Liberty (Hrsg.): Michael Buthe. Constellations. Alexander und Bonin, New York, und Sotheby's, London, 2020

RETROSPEKTIVE: Michael Buthe, Katalog Kunstmuseum Luzern 2015, ISBN 978-3-7757-4038-8

WIESE, Stephan von (Hrsg.): Michael Buthe. Skulptura in Deo Fabulosa. Silke Schreiber, München 1983, ISBN 978-3-88960-002-8.

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